2.4.3 Dresden und Berlin

Mart Stam, ehe­ma­li­ger Gast­do­zent am Bau­haus, Mit­ent­wick­ler des Frei­schwin­gers S 32 und über­zeug­ter Sozia­list, bekam 1948 das Rek­to­rat der Säch­si­schen Aka­de­mie der Künste und der damit ver­bun­de­nen Hoch­schule für Werk­kunst in Dres­den über­tra­gen. Im direk­ten Anschluss ließ er eine Fakul­tät für indus­tri­elle Gestal­tung ent­ste­hen, mit der Hoff­nung eine sozia­lis­tisch aus­ge­rich­tete Pro­dukt­kul­tur aus­bauen zu kön­nen. Auch er führte, in Anleh­nung an das Bau­haus, einen Vor­kurs ein. Mit sei­nen Vor­schlä­gen für den Wie­der­auf­bau des zer­stör­ten Stadt­zen­trums traf er aller­dings auf Ableh­nung bei der Bevöl­ke­rung. Zusätz­lich kamen unüber­brück­bare Kon­flikte mit dem beste­hen­den Maler­kol­le­gium dazu.1 Des­halb schied er im April 1950 aus und führte von nun an sein Werk an der Hoch­schule für Bil­dende und Ange­wandte Kunst in Berlin-Weißensee fort. Im Herbst 19502 konnte er das Insti­tut für indus­tri­elle Gestal­tung grün­den, für wel­ches er die ehe­ma­li­gen Bau­häus­ler Mari­anne Brandt und Albert Buske gewin­nen konnte. An der Hoch­schule selbst lehr­ten auch Ehe­ma­lige, wie Theo Bal­den und Sel­man Sel­ma­na­gić. Doch schon 1951 geriet Stam unter hef­tige Kri­tik durch die sich der zur Sowjet­union und den klas­si­schen Tra­di­tio­nen hin aus­zu­rich­tende Par­tei­ideo­lo­gie. Mart Stam und seine Schule stan­den als Ver­fech­ter der Moderne und des Funk­tio­na­lis­mus im Weg. Sogar mit Wal­ter Ulbricht geriet er in eine Aus­ein­an­der­set­zung. 1953 ver­ließ Stam schließ­lich die DDR, doch durch die noch anwe­sen­den Leh­rer konnte der Grund­ge­danke nie ganz ver­trie­ben wer­den.3 Das von ihm gegrün­dete Insti­tut wurde bereits 1951 dem Minis­te­rium für Kul­tur unter­ge­ord­net und umbe­nannt in Insti­tut für ange­wandte Kunst. Aus die­sem ent­wi­ckelte sich spä­ter das Amt für indus­tri­elle Form­ge­stal­tung,4 auf wel­ches spä­ter noch ein­ge­gan­gen wird. Rudi Hög­ner, Lei­ter der Abtei­lung Indus­tri­elle Form­ge­bung seit 1953, schrieb 1957 in einer Festbroschüre:

„Der Aus­gangs­punkt für die Gestal­tung ist nicht das Indus­trie­pro­dukt, son­dern der Mensch, das heißt die­ser neue Beruf hat bei uns vor allem eine huma­nis­ti­sche Auf­gabe zu erfül­len und nicht ledig­lich den Ver­kaufs­er­folg zu sichern.“5

Auch Hög­ner bestä­tigt damit nicht nur die zuvor erwähnte These Sel­les, son­dern stellt glei­cher­ma­ßen einen inhalt­li­chen Bezug zu Meyer und dem ver­trie­be­nen Stam her. Mart Stams unmit­tel­ba­rer Nach­fol­ger Wer­ner Laux, der für einen par­tei­treuen Staats­funk­tio­när gehal­ten wurde, sorgte jedoch nicht für einen dras­ti­schen Umschwung in der Wis­sens­ver­mitt­lung, son­dern blieb eher in „der von Stam gesä­ten Auf­bruch­stim­mung“.6 Obwohl es spä­ter noch zu gele­gent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der poli­ti­schen Ideo­lo­gie kam, konnte sich die Lehr­stätte, neben der Hoch­schule für indus­tri­elle Form­ge­stal­tung Halle ‒ Burg Gie­bi­chen­stein, zu einem bedeu­ten­den Aus­bil­dungs­ort für die Indus­trie­de­si­gner der DDR ent­wi­ckeln.7

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  1. Laut der Quelle http://www.mart-stam.de/martstam_5.php [29.06.2012] ver­suchte Stam eine Ver­schmel­zung zwi­schen Kunst und Archi­tek­tur her­zu­stel­len, wobei sich die Kunst unter­zu­ord­nen hatte. Dies stieß bei den tra­di­tio­nel­len Künst­lern auf Ableh­nung.

  2. Auch hier scheint ein Feh­ler Karl-Heinz Hüters vor­zu­lie­gen, wel­cher von 1951 spricht. Laut Gün­ter Höhne datiert sich die Grün­dung des Insti­tuts auf 1950 (vgl. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S.17 und Höhne 2001, S.68). In Hin­blick auf die For­ma­lis­mus­de­batte im März 1951 erscheint die­ses Datum auch wesent­lich plau­si­bler.

  3. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 85f.

  4. Vgl. Höhne 2001, S. 68.

  5. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 194.

  6. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 194.

  7. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 196.