2.5 Die Formalismusdebatte

Wie Jür­gen Peters in sei­nen Erin­ne­run­gen an Rams und Krug bereits anmerkte, war es Ost-Designern nicht mög­lich alle ihre Ent­würfe zu ver­öf­fent­li­chen. Die Gründe hier­für sind vor allem in der soge­nann­ten For­ma­lis­mus­de­batte zu suchen, wel­che im Juli 1950 auf dem Ⅲ. Par­tei­tag der SED erst­mals prä­gnant ange­spro­chen wurde,1 und im März 1951 auf Geheiß Mos­kaus auf der 5. Tagung des Zen­tral­ko­mi­tees der SED begrün­det wurde. Hans Lau­ter, ein damals maß­ge­ben­der Kul­tur­po­li­ti­ker, refe­rierte unter dem Titel Der Kampf gegen den For­ma­lis­mus in Kunst und Lite­ra­tur, für eine fort­schritt­li­che deut­sche Kul­tur. Unter die­ser Debatte, die viel­mehr als ein „kei­nen Wider­spruch bil­den­der Kahl­schlag“2 zu bezeich­nen wäre, wur­den sowohl funk­tio­nale Gestal­tung, Archi­tek­tur als auch moderne Kunst und Lite­ra­tur ange­grif­fen. Das Haupt­ziel die­ser Maß­nah­men war es den Ein­fluss der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur, wel­che bereits in West­eu­ropa Wir­kung aus­übte, zurück­zu­wei­sen und sich stär­ker auf das Vor­bild Sowjet­union zu kon­zen­trie­ren. Abs­trakte For­men wur­den abge­lehnt und als for­ma­lis­tisch bezeich­net, da sie dem ange­streb­tem Rea­lis­mus wider­spra­chen.3 Neben den Ideo­lo­gien Ost­eu­ro­pas soll­ten fer­ner­hin ver­gan­gene Tra­di­tio­nen wie­der auf­ge­grif­fen werden:

„Der klas­si­schen Kunst ist Wahr­haf­tig­keit und Rea­lis­mus eigen, sie besaß die Fähig­keit, eine Ein­heit von tie­fem Gefühl und glän­zen­der künst­le­ri­scher Form zu errei­chen. Alle gro­ßen Künst­ler des klas­si­schen Kul­tur­er­bes waren Freunde des Frie­dens. Rea­lis­ten und Huma­nis­ten.“4

Das Bau­haus wurde, neben dem feh­len­den Bezug zum klas­si­schen Kul­tur­erbe, außer­dem als dem ame­ri­ka­ni­schem Macht­stre­ben zuge­hö­rig betrachtet:

„Wo sind heute die Archi­tek­ten, die das Bau­haus ver­tra­ten, wie Gro­pius, Mies van der Rohe, Mar­tin Wag­ner und andere? Sie sind in Ame­rika, sie schei­nen sich dort wohl zu füh­len, und dar­aus kön­nen wir ent­neh­men, daß sie sich für den ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus ent­schie­den haben.“5

Eben­falls prä­gend für die Debatte war die Aus­sage Wal­ter Hei­sigs, wel­cher zu die­ser Zeit in der Posi­tion des Direk­tors des Insti­tuts für ange­wandte Kunst war: „Ein Besteck ohne Orna­ment ist For­ma­lis­mus“6 Gleich­sam auch die von Kurt Lieb­knecht – Prä­si­dent der Deut­schen Bau­aka­de­mie – benann­ten sechs vor­bild­li­chen Stil­epo­chen, an die es sich nun zu rich­ten galt: die Renais­sance, auf­grund des leben­di­gen For­menschat­zes, Barock und Rokoko, da viele Möbel die­ser Epo­che noch ihre Gül­tig­keit besä­ßen, Chip­pen­dale, für seine zwar aus­län­di­sche aber ange­nehme Art, Klas­si­zis­mus, wegen der kla­ren und schö­nen For­men, und den Bie­der­meier für seine unter­stri­chene Beschei­den­heit. Außer­dem seien Dekore, Orna­mente und Web­mus­ter ein wich­ti­ges Mit­tel, um sich von ande­ren Kul­tu­ren unter­schei­den zu kön­nen.7 Noch im sel­ben Monat ver­öf­fent­lichte das Zen­tral­or­gan der SED, Neues Deutsch­land, einen Arti­kel, in dem kom­mu­nis­ti­sche Intel­lek­tu­elle, die sich vor 1933 für die Theo­rien des Bau­hau­ses stark gemacht hat­ten, beschul­digt wur­den, der Macht­er­grei­fung der Natio­nal­so­zia­lis­ten den Weg geeb­net zu haben. Denn dadurch konn­ten diese die „gesunde Abnei­gung des Vol­kes gegen diese ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­bar­ba­reien für ihre chau­vi­nis­ti­schen Zwe­cke zur Ent­fa­chung einer Pogrom­hetze gegen die Kom­mu­nis­ten miss­brau­chen[…]“.8 Die Gründe für den Angriff auf funk­tio­nale, abs­trakte und moderne Stil­rich­tun­gen sind deut­lich ables­bar: Die DDR sollte sich der Glo­ba­li­sie­rung ent­ge­gen­stel­len und, ganz nach sta­li­nis­ti­schem Vor­bild, die Über­le­gen­heit des Sozia­lis­mus demons­trie­ren, indem es eine eigen­stän­dige, tra­di­ti­ons­be­wusste Kul­tur pflegte. Der Funk­tio­na­lis­mus, wel­cher sich von frü­he­ren Mus­tern zum Bei­spiel durch Orna­ment­lo­sig­keit und ratio­na­ler Bau­weise völ­lig los­löste, hatte mit der ange­streb­ten Ideo­lo­gie nichts gemeinsam.

Für die Gestal­ter in der DDR hatte die For­ma­lis­mus­de­batte eine lang­jäh­rige Läh­mung zur Folge. So wurde bei­spiels­weise die, wäh­rend eines Prak­ti­kums im Por­zel­lan­werk Rei­chen­bach gefer­tigte, Abschluss­ar­beit der Form­ge­stal­te­rin Mar­ga­rete Jahny nicht in Serie pro­du­ziert. Die staat­li­che Por­zel­lan­ma­nu­fak­tur Mei­ßen hatte Beden­ken, dass die­ses „zu modern, zu ris­kant für einen erfolg­rei­chen Absatz im Han­del“9 sein könnte.

Die For­ma­lis­mus­de­batte ebbte 1956, mit Beginn der von Chruscht­schow aus­ge­lös­ten Ent­sta­li­ni­sie­rung, vor­erst ab. Trotz­dem sollte das Kaf­fee– und Spei­se­ser­vice Daphne von Ilse Decho, wel­ches 1964 in Serie ging und mit der Gold­me­daille für her­vor­ra­gende Form­ge­bung aus­ge­zeich­net wurde, nicht wie ursprüng­lich geplant den Bin­nen­markt errei­chen. Im Ori­gi­nal ist es eher schlicht, redu­ziert und in rei­nem Weiß gehal­ten, wäh­rend es für den Han­del mit schmü­cken­dem Rand und Blu­men­de­kor erschien. Der Außen­han­del wollte ver­hin­dern, „dass das kost­bare Wirt­schafts­gut Por­zel­lan so unprä­ten­ziös weiß, so ein­falls­los in sei­ner Form in Pro­duk­tion ginge“.10 Hier ist aller­dings anzu­mer­ken, dass sich Dechos Por­zel­lan­ser­vice bereits auf eine zweite Phase der For­ma­lis­mus­de­batte bezieht. Die Erste ebbte Anfang 1956, mit Beginn der von Chruscht­schow aus­ge­lös­ten Ent­sta­li­ni­sie­rung, vor­erst ab.

Grund dafür könnte der im Okto­ber 1962 publi­zierte Arti­kel Hin­ter dem Leben zurück des SED-Parteiorgans Neues Deutsch­land gewe­sen sein, wel­cher nun erneut funk­tio­na­lis­ti­sche und ratio­nale Pro­dukte vehe­ment kri­ti­sierte (es ist dabei zu beach­ten, dass ein Arti­kel über Pro­dukte in die­ser Zei­tung keine ein­fa­che Pres­se­mit­tei­lung war, son­dern viel­mehr eine Anwei­sung der SED für Staats-, Wirt­schafts– und Kul­tur­funk­tio­näre über den Umgang mit den beschrie­be­nen Per­so­nen oder Din­gen).11 Anlass für den Bericht war die V. Deut­sche Kunst­aus­stel­lung in Dres­den, bei der unter ande­rem die schlich­ten, neu­tra­len und dekor­lo­sen Zylin­der­va­sen von Hubert Petras aus­ge­stellt wur­den. Der Autor bewer­tete diese als „kalt glatt und nichts­sa­gend“,12 im Ver­gleich mit dem Win­ter­land­schafts­bild Rein­hard Kretz­sch­mars: Seine Vasen hät­ten mit Kunst nichts mehr zu tun.13 Nach die­ser staat­li­chen Abwer­tung und fol­gen­der Miss­ach­tung wurde Hubert Petras lange krank und konnte erst Mitte der sech­zi­ger Jahre wie­der unver­krampft arbei­ten, nach­dem er von Erwin Andrä eine Lehr­tä­tig­keit an der Hoch­schule für indus­tri­elle Form­ge­stal­tung Halle ‒ Burg Gie­bi­chen­stein ange­bo­ten bekam. Dem Lei­ter des Lichte-Wallendorfer Por­zel­lan­werks Habe­dank, der diese und andere funk­tio­na­lis­tisch anmu­tende Ent­würfe her­ge­stellt hatte, wurde Wirt­schafts­sa­bo­tage unter­stellt, wor­auf die­ser sich spä­ter das Leben nahm.

Der Gestal­ter Jür­gen Peters und sein Radio­ge­rät Ste­reo 72 wur­den eben­falls kri­ti­siert. Die­ses würde nicht in einen Wohn­raum gehö­ren, son­dern viel eher in ein Labor. Es stimme nicht mit dem opti­mis­ti­schen Lebens­ge­fühl des sozia­lis­ti­schen Men­schen über­ein.14 Obwohl die DDR-Fach– und Publi­kums­presse das Gerät lobte, wurde es nicht pro­du­ziert. Zwei Jahre spä­ter stellte der west­deut­sche Her­stel­ler Wega den Weg­a­vi­sion 2000 vor, der die Gestalt des Ste­reo 72 sehr deut­lich zitierte.15 Eben­falls knapp zwei Jahre spä­ter gelang­ten nun auch Hubert Petras Vasen in den Ver­kauf ‒ jetzt aller­dings mit Dekor ver­se­hen.16

Bemer­kens­wert ist, dass in dem Arti­kel wei­tere Gestal­tungs­ar­bei­ten von DDR-Designern als „form­schön und zweck­mä­ßig“17 bewer­tet wur­den. Dar­aus lässt sich erken­nen, dass diese zweite Art einer Auf­le­bung der For­ma­lis­mus­de­batte weni­ger umfas­send war, als noch zehn Jahre zuvor. Zwar folg­ten anknüp­fend viele kon­ser­va­ti­vere Desi­gn­lö­sun­gen, doch setz­ten sich schon wenige Jahre spä­ter wie­der funktional-ästhetische For­men in der indus­tri­el­len Form­ge­stal­tung durch.18 Spä­tes­tens als die DDR sich stär­ker auf die benö­tig­ten Devi­sen kon­zen­trie­ren musste und die damit ver­bun­de­nen not­wen­di­gen Anpas­sun­gen der Exporte an andere Natio­nen, um Ver­kaufs­chan­cen zu stei­gern, ent­fernte man sich zuneh­mend von den gefor­der­ten Stil­rich­tun­gen der For­ma­lis­mus­de­batte.19 Dadurch erga­ben sich jedoch auch wie­der andere Pro­bleme auf dem Binnenmarkt.

Abschlie­ßend ist hier noch zu erwäh­nen, dass das Ver­eb­ben der auf­ge­dräng­ten Dis­kus­sion unter ande­rem sicher­lich glei­cher­ma­ßen dem glo­ba­len Erfolgs­kurs west­deut­scher Her­stel­ler wie Braun zu ver­dan­ken ist. Dadurch zeig­ten sich die finan­zi­el­len Vor­teile redu­zier­ter und funktional-ästhetischer Gestal­tung, wodurch der staat­li­che Außen­han­del von man­chen Form­ge­stal­tern Pro­duk­t­er­geb­nisse ver­langte, wel­che diese auf­grei­fen soll­ten. Sehr gut erkenn­bar wird dies aus­zugs­weise beim Elek­tro­r­a­sier­ap­pa­rat Bebo Sher Typ 014 von Jür­gen Peters oder auch Typ 016 von Erich John im Ver­gleich mit dem SM 3 von Gerd A. Müller.

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  1. Vgl. Heinz Hir­dina, Gestal­ten für die Serie ‒ Design in der DDR 1949‒1985, Dres­den 1988, S. 43.

  2. Gün­ter Höhne, Hin­se­hen, aber nicht abgu­cken, in: Höhne (Hrsg.) 2009, S. 39.

  3. Vgl. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 97f.

  4. Hans Lau­ter, Der Kampf gegen den For­ma­lis­mus in Kunst und Lite­ra­tur, für eine fort­schritt­li­che deut­sche Kul­tur, Ber­lin 1951, S. 159.

  5. Hans Lau­ter, Der Kampf gegen den For­ma­lis­mus in Kunst und Lite­ra­tur, für eine fort­schritt­li­che deut­sche Kul­tur, Ber­lin 1951, S. 94.

  6. Hir­dina 1988, S. 40.

  7. Vgl. Hir­dina 1988, S. 45.

  8. Stel­lung­nahme des Neuen Deutsch­land, in: Neues Deutsch­land [14.03.1951], zit. n. Karl-Heinz Hüter, Dem Bau­haus Bahn bre­chen, in: Höhne (Hrsg.) 2009, S. 92.

  9. Höhne 2001, S. 48.

  10. Höhne 2001, S. 175f.

  11. Vgl. Höhne 2001, S. 273.

  12. Karl-Heinz Hagen, Hin­ter dem Leben zurück, in: Neues Deutsch­land [04.10.1962], zit. n. Hir­dina 1988, S. 136.

  13. Vgl. Karl-Heinz Hagen, Hin­ter dem Leben zurück, in: Neues Deutsch­land [04.10.1962], zit. n. Hir­dina 1988, S. 136.

  14. Vgl. Karl-Heinz Hagen, Hin­ter dem Leben zurück, in: Neues Deutsch­land [04.10.1962], zit.n. Gün­ter Höhne, Hin­se­hen, aber nicht abgu­cken, in: Höhne (Hrsg.) 2009, S. 49.

  15. Vgl. Gün­ter Höhne, Hin­se­hen, aber nicht abgu­cken, in: Höhne (Hrsg.) 2009, S. 49.

  16. Vgl. Gün­ter Höhne, Produktkult(ur) ‒ Das DDR-Designbuch, Köln 2008, S. 60.

  17. Hir­dina 1988, S. 136.

  18. Vgl. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 137.

  19. Vgl. Hir­dina 1988, S. 51.