2.6.4 Das Amt für industrielle Formgestaltung (AiF)

Das AiF war eine der welt­weit größ­ten staat­li­chen Desi­gnin­sti­tu­tio­nen und hatte zeit­weise bis zu 200 Mit­ar­bei­ter. Sei­nen Ursprung hatte die Insti­tu­tion im Insti­tut für Indus­tri­elle Gestal­tung, wel­ches Mart Stam 1950 grün­dete. Im Zuge der For­ma­lis­mus­de­batte wurde es ihm bereits ein Jahr spä­ter ent­nom­men, umbe­nannt in Insti­tut für ange­wandte Kunst und gleich­zei­tig dem Minis­te­rium für Kul­tur bis 1963 unter­stellt. Im Anschluss wurde es in Zen­tral­in­sti­tut für Form­ge­stal­tung umbe­nannt und ab 1965 hieß es nur noch Zen­tral­in­sti­tut für Gestal­tung. Gleich­zei­tig war es nun dem Amt für Stan­dar­di­sie­rung, Meß­we­sen und Waren­prü­fung (ASMW) ange­schlos­sen. 1972 erhielt es schließ­lich die Bezeich­nung Amt für indus­tri­elle Form­ge­stal­tung. Nach Wal­ter Hei­sig, über­nahm 1962 Mar­tin Kelm die Lei­tung. Das AiF beinhal­tete meh­rere unter­schied­li­che Fach­ab­tei­lun­gen und gleich­zei­tig auch die Desi­gn­fach­zeit­schrift form + zweck.1

Bis 1972 waren die Haupt­funk­tio­nen der Insti­tu­tion die Indus­trie, mit­hilfe von aus­ge­bil­de­ten Form­ge­stal­tern ver­schie­de­ner Fach­ge­biete, durch Ent­wurfs– und Gut­ach­ter­tä­tig­kei­ten zu unter­stüt­zen. Seit der Anschlie­ßung zum ASMW wurde die Bei­steue­rung von Ent­wür­fen jedoch schritt­weise gemin­dert und statt­des­sen die fach­li­che und ideo­lo­gi­sche Beein­flus­sung der Betriebe kon­zen­trier­ter ver­folgt,2 wodurch auch wesent­li­che Unter­schiede zum nur bera­ten­den west­deut­schen Rat für Form­ge­bung sicht­bar werden.

Bemer­kens­wert ist wie Bern­hard Bür­dek das AiF bewertet:

„Die prak­ti­zierte staat­li­che Desi­gnför­de­rung wurde 1972 durch die Grün­dung des Amtes für indus­tri­elle Form­ge­stal­tung (AiF) erheb­lich auf­ge­wer­tet. Als Insti­tu­tion, die dem Minis­ter­rat der DDR direkt unter­stand ‒ der Lei­ter des AiF hatte den Rang eines Staats­se­kre­tärs ‒ ver­fügte es über weit­rei­chende Kom­pe­ten­zen in sämt­li­chen Wirt­schafts­zwei­gen. Es ent­wi­ckelte Richt­li­nien, Ver­ord­nun­gen oder Gesetze, nach denen die Erzeug­nis­ge­stal­tung im gan­zen Land zu erfol­gen hat­ten. Dies war für den Bin­nen­markt genauso bedeut­sam wie für den Export.“3

Hier ist, bis auf dem ers­ten Satz, allem zuzu­stim­men. Zwar ver­fügte das Amt tat­säch­lich nun über weit­rei­chende Befug­nisse, doch sug­ge­riert die Aus­sage Bür­deks, es hät­ten deut­lich posi­tive Ver­bes­se­run­gen statt­ge­fun­den. Gün­ter Höhne jedoch beschreibt das Insti­tut viel­mehr als ein

„zuneh­mend rigi­des, par­tei­dis­zi­pli­nier­tes Geset­zes– und Anord­nungs­durch­füh­rungs–Organ mit den, so wört­lich defi­nier­ten, Haupt­funk­tio­nen Anlei­tung und Kon­trolle.“ [Her­vor­he­bung im Ori­gi­nal]4

, wel­ches außer­dem Gestal­tern zuneh­mend die Erlaub­nis ent­zog frei­be­ruf­lich zu arbei­ten. Selbst­stän­dig fest­le­gen konnte Mar­tin Kelm zudem seine Anlei­tun­gen nicht. Die Beschluss-Vorlagen wur­den zual­ler­erst in der Zen­tra­len Wirt­schafts­kom­mis­sion beim ZK der SED erar­bei­tet, ohne Ein­fluss Kelms. Die­ser hatte die Ergeb­nisse dann aber durch­zu­füh­ren.5 Den­noch zeigt die Grün­dung und der Aus­bau des AiF welch wich­tige Rolle der Form­ge­stal­tung zuge­spro­chen wurde. Die Begrün­dung hier­für, etwa im Ver­gleich mit ande­ren schöp­fe­ri­schen Fach­ge­bie­ten, wie der Archi­tek­tur und der Male­rei, lässt sich pri­mär mit der Hoff­nung auf eine Erhö­hung der Export­pro­duk­tion erklären.

Letzt­lich ver­lie­ßen, auf­grund der berau­ben­den Kon­trolle des AiF, trotz­dem einige Desi­gner das Land.6

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  1. Vgl. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 17f.

  2. Vgl. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 18.

  3. Bür­dek 2005, S. 103f.

  4. Höhne 2001, S. 68.

  5. Vgl. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 20.

  6. Vgl. Gün­ter Höhne, Das große Lexi­kon ‒ DDR-Design, Köln 2008, S. 20.