2.7.1 Rudolf Horn

Rudolf Horn wurde 1929 in Wald­heim gebo­ren und been­dete eine Lehre als Tisch­ler und Innen­ar­chi­tekt. Nach der Arbeit als Betriebsas­sis­tent im VEB Möbel­werke Hei­denau wurde er 1952 Mit­ar­bei­ter im Minis­te­rium für Leicht­in­dus­trie. Anschlie­ßend machte er ein exter­nes Stu­dium an der Inge­nieur­schule Dres­den, wurde 1958 Lei­ter des Büros für Ent­wick­lung, Mes­sen und Wer­bung in der Möbel­in­dus­trie. 1965 machte er das Diplom in Halle Burg Gie­bi­chen­stein und wurde 1966 Direk­tor des Insti­tuts für Möbel– und Aus­bau­ge­stal­tung an der Burg. Ab 1980 war er dort der Direk­tor der Sek­tion Pro­dukt– und Umwelt­ge­stal­tung im Bereich Wohn– und Gesell­schafts­bau. Horn erhielt 1983 den Design­preis der DDR und 1989 den Natio­nal­preis für Kunst und Lite­ra­tur der DDR.1

Zu Beginn sei­ner Kar­riere wurde Horn bei jeder Zeich­nung von sei­nem Leh­rer ermahnt sich fol­gende Frage zu stel­len: Für wen machst du das? Diese Frage war für sein gan­zes Leben ent­schei­dend,2 wie auch die Über­zeu­gung des zwei­ten Bauhaus-Direktors:

“Archi­tek­tur und Gestal­tung sind keine indi­vi­du­el­len Affekt­hand­lun­gen, son­dern Leis­tun­gen in der Gemein­schaft für die Gemein­schaft.“3

Bereits hier wird sicht­bar, dass Horns Gestal­tungs­lö­sun­gen den wesent­li­chen Gebrauchs­wert für den Nut­zer in den Vor­der­grund stellen.

Durch die Aus­gangs­lage nach dem zwei­ten Welt­krieg war es für Horn und seine Gruppe ein­deu­tig, dass man nicht bei alten Ansät­zen wei­ter­ma­chen konnte, son­dern neue Wohn­lö­sun­gen suchen musste, die den herr­schen­den Pro­ble­men gerecht wur­den. Haupt­auf­gabe der Lösun­gen müsste die Besei­ti­gung sozia­ler Gren­zen und ein bewuss­ter Umgang mit Roh­stof­fen sein. Dabei wurde an Stil­rich­tun­gen wie dem Kon­struk­ti­vis­mus, dem Deut­schen Werk­bund, das Bau­haus, der Künst­ler­be­we­gung De Stijl und der Neuen Sach­lich­keit gedacht, wel­che aller­dings mit der domi­nie­ren­den For­ma­lis­mus­de­batte in Kon­flikt gerie­ten. Wäh­rend die Möbel­werke Zeu­len­roda also nach Vor­ga­ben der Deut­schen Bau­aka­de­mie pro­du­zier­ten, ver­öf­fent­lich­ten die Deut­schen Werk­stät­ten Hel­lerau erneut die Anbau­mö­bel Die wach­sende Woh­nung Bruno Pauls und anknüp­fend Ent­würfe der ehe­ma­li­gen Bau­häus­ler Franz Ehr­lich und Sel­man Sel­ma­na­gić. Das Insti­tut für Innen­ar­chi­tek­tur ließ Möbel sol­cher Art anschlie­ßend ver­bie­ten, da sie „nach der Methode des Sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus nicht gestal­tungs­fä­hig“4 seien.5

Den­noch hielt Rudolf Horn an sei­nen Über­zeu­gun­gen fest, bis Möbel­in­dus­trie und Han­del schließ­lich erkann­ten, dass zweck­mä­ßige und schlichte Möbel nicht nur von vie­len Men­schen gewollt wur­den, son­dern zudem wirt­schaft­lich bes­ser geeig­net waren. Auch der Export nahm zu, obwohl Wal­ter Ulbricht diese Art Möbel noch immer öffent­lich kri­ti­sierte.6

Die erste Woh­nung nach eige­nen Stand­punk­ten ent­war­fen Rudolf Horn und Eber­hardt Wüst­ner 1962 in Ber­lin Fenn­pfuhl im Ver­suchs­bau P2. Es han­delte sich dabei um einen Expe­ri­men­tal­bau der Deut­schen Bau­aka­de­mie aus vor­ge­fer­tig­ten Plat­ten, um neue, mul­ti­funk­tio­nelle Wohn­for­men zu tes­ten. Horn und Wüst­ner umgin­gen dabei alles Her­kömm­li­che und schaff­ten einen Raum, wel­cher durch seine durch­dachte Redu­zie­rung auf das Wesent­li­che viel Bewe­gungs­flä­che bot.7

1963 ent­wi­ckelte Horn sein ers­tes viel­fäl­ti­ges An– und Auf­bau­mö­bel­pro­gramm Leip­zig IV und konnte ‒ das war ihm wich­tig ‒ erst­mals etwas als Serie und somit für viele Nut­zer her­stel­len. Durch ver­ein­heit­lichte Möbel­maße, far­bige Ober­flä­chen­la­ckie­run­gen und güns­ti­ger Pro­duk­ti­ons­weise wur­den dem Besit­zer unter­schied­li­che Auf­bau­mög­lich­kei­ten gege­ben.8

Eine der inter­es­san­tes­ten Arbei­ten Horns ist sicher­lich das Mon­ta­ge­mö­bel­pro­gramm MDW, wel­ches zu den am längs­ten pro­du­zier­ten Möbel­sys­te­men Euro­pas gehört. Da der all­ge­meine Nut­zer indi­vi­du­elle Möbel besit­zen und der Pro­du­zent eine große Stück­zahl her­stel­len will, schien ein Möbel­sys­tem, wel­ches selbst ein­fach zusam­men­ge­stellt wer­den kann, die pas­sende Lösung zu sein. Der Nut­zer sollte seine Ein­rich­tung durch etli­che Mög­lich­kei­ten indi­vi­du­ell mit­be­stim­men, ohne sich dabei auf­ge­zwun­ge­nen Struk­tu­ren der Her­stel­ler und der Größe des eige­nen Wohn­rau­mes beu­gen zu müs­sen. Beson­ders die bedachte sinn­volle Raum­aus­nut­zung und glei­cher­ma­ßen auch die Plat­zer­spar­nis, wel­che MDW mit sich brachte, war ein bedeut­sa­mer Vor­teil der Serie. Das Pro­gramm wurde auf der Leip­zi­ger Herbst­messe aus­ge­zeich­net und ein uner­war­tet gro­ßer Erfolg, wenn­gleich Wal­ter Ulbricht erneut hef­tig pro­tes­tierte.9 Neben Schrän­ken, Rega­len und Kom­mo­den wur­den auch ange­passte Sitz­mög­lich­kei­ten mit Pols­ter­ele­men­ten, Tische und Behält­nis­mö­bel ein­ge­plant, wel­che nach einem vor­ge­ge­be­nen Ras­ter spe­zi­fisch gestal­tet wer­den konn­ten. Viele erhoff­ten sich von der Ein­füh­rung des Sys­tems eine inten­sive Besin­nung auf den Funk­tio­na­lis­mus in der Möbel­ge­stal­tung. Auf­grund plan­wirt­schaft­li­cher Maß­nah­men und inkon­se­quen­ter Unter­stüt­zung der Indus­trie konnte jedoch nur die Hälfte aller Ele­mente für die Bevöl­ke­rung pro­du­ziert wer­den. Obwohl die Händ­ler es bevor­zug­ten voll­stän­dige Sets anstatt der vor­ge­se­he­nen Ein­zel­teile zu ver­kauf­ten und es wei­ter­hin spä­ter zu einer Ver­brei­tung von Nuss­bau­mi­mi­ta­ten und ande­ren Oberflächen-Dekoren kam, ver­brei­tete sich MDW zahl­reich in der gesam­ten DDR.10

Zuletzt muss das Pro­jekt Varia­bles Woh­nen erwähnt wer­den. Gemein­sam mit Sozio­lo­gen wurde 1969 im Auf­trag der Deut­schen Bau­aka­de­mie an einem völ­lig neuen Wohn­sys­tem gear­bei­tet, bei der nichts außer einem gro­ßen, lee­ren Raum, dem neuen Möbel­sys­tem AM20 und einer Nass­zelle zur Ver­fü­gung stand. Die Möbel waren so varia­bel, dass man sie ebenso als Innen­wände ein­hän­gen konnte. Getes­tet wurde das Vor­ha­ben mit 104 Fami­lien in Ros­tock, wel­che ihre Woh­nun­gen völ­lig unter­schied­lich unter­teil­ten, ein­rich­te­ten oder sogar erwei­ter­ten. Obwohl nach sechs Jah­ren 80 Pro­zent der Fami­lien bereit waren wie­der eine varia­ble Woh­nung zu bezie­hen, schei­terte das Pro­jekt schließ­lich auf­grund zu gerin­ger Koor­di­na­ti­ons­be­reit­schaft von Woh­nungs­äm­tern, Bau­we­sen, Indus­trie und Han­del und einer eigen­nüt­zi­gen Vor­ge­hens­weise die­ser.11 Trotz­dem ver­deut­licht das Expe­ri­ment nicht nur den Erfolg völ­lig varia­bler Wohn­sys­teme, son­dern beson­ders das posi­tive Fazit von Pro­duk­ten, wel­che nach völ­lig offe­ner Gestal­tung dem Nut­zer unzäh­lige Mög­lich­kei­ten geben, sodass sich die­ser auf seine eigene indi­vi­du­elle Art Zuhause ent­fal­ten kann, obwohl die grund­le­gen­den For­men zuvor von Gestal­tern vor­ge­ge­ben wur­den. Er ist somit nicht an feste, womög­lich sogar modisch ver­fal­lende, Sys­teme gebunden.

In Dres­den wurde spä­ter ver­sucht das Pro­jekt auf eine ein­ge­schränk­tere Weise zu ver­wirk­li­chen; dies­mal nur durch eine Schrank­wand getrennt. Doch die Bereit­schaft, sich an ein neues Sys­tem anzu­pas­sen, war erneut nicht aus­rei­chend vor­han­den. Obwohl aus­führ­li­che Unter­la­gen exis­tier­ten, die zusam­men mit Stu­den­ten der Burg Gie­bi­chen­stein erar­bei­tet wur­den, wurde nie dar­auf zurück­ge­grif­fen.12

Neben die­sen Pro­jek­ten ent­warf Horn auch wei­tere varia­ble Möbel­sys­teme, die aller­dings den Rah­men die­ser Erör­te­rung bre­chen würden.

Für Rudolf Horn waren drei Prin­zi­pien stets bedeut­sam:13

  • Offen­heit, nicht nur im Sinne eines offe­nen Rau­mes oder Gegen­stands, son­dern auch Ver­füg­bar­keit ohne soziale Gren­zen und zugleich mit wirt­schaft­li­chen Vor­tei­len für Her­stel­ler und Nutzer
  • Nütz­lich­keit, die mul­ti­funk­tio­na­len Gebrauch ermög­licht, sich an indi­vi­du­elle Bedürf­nisse anpasst und ein Pro­dukt zudem brauch­bar, wider­stands­fä­hig, zeit­lich bestän­dig und ange­nehm macht
  • Ein­fach­heit, wel­che durch das Feh­len von Unstim­mig­kei­ten und Bedeu­tungs­lo­sem eine Schön­heit vermittelt

Diese Kri­te­rien waren nicht ein Allein­stel­lungs­merk­mal Horns, wie man auch an ande­ren DDR-Produkten, wie zum Bei­spiel den Omega-Staubsaugern, erken­nen kann.

Viele der heu­ti­gen Gestal­tungs­er­geb­nisse lehnt Horn ab, da sie ent­we­der his­to­risch oder modisch erscheinen:

„Bei­des sind Gestal­tungs­mus­ter, die heute modern erschei­nen und mor­gen in den Müll­ei­mer der Geschichte wan­dern. Viel­leicht sollte man sie aus Papp­ma­ché her­stel­len, um sie mit wenig Scha­den zu besei­ti­gen, oder der nächs­ten Mode mit nur gerin­gem Auf­wand anpas­sen zu kön­nen.“14

Den Nach­teil sol­cher Desi­gn­ma­xi­men – näm­lich die damit ein­her­ge­hende Degra­die­rung der eige­nen Pro­fes­sion – erkennt Horn:

„Gestal­tung, die sich rekru­tie­ren lässt in das Heer jener, die sol­cher­art Ansprü­che bedie­nen […], hilft nicht nur die Müll­berge um uns zu ver­grö­ßern, son­dern trägt dazu bei, dass Gestal­tung, ihre Bedeu­tung als eines der sozio­kul­tu­rel­len Regu­la­tive in der Gesell­schaft ver­liert.“ [Her­vor­he­bung durch den Ver­fas­ser]15

In einem Video­in­ter­view der Stif­tung Indus­trie– und All­tags­kul­tur defi­niert Horn auch das Haupt­kri­te­rium, nach dem sich die heu­tige Gestal­ter­ge­ne­ra­tion in ihren Leit­fra­gen rich­ten sollte: Soziale Ver­ant­wor­tung.16

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  1. Vgl. Rudolf Horn, Gestal­tung als offe­nes Prin­zip, Ber­lin 2010, S. 126.

  2. Vgl. http://www.burg-halle.de/rudolfhorn/ [20.08.2013].

  3. Vgl. Horn 2010, S. 9.

  4. Horn 2010, S. 18.

  5. Vgl. Horn 2010, S. 10ff.

  6. Vgl. Horn 2010, S. 21.

  7. Vgl. Horn 2010, S. 22ff.

  8. Vgl. Horn 2010, S. 29.

  9. Vgl. Horn 2010, S. 36ff.

  10. Vgl. Andreas Lud­wig, “Hun­derte von Vari­an­ten”. Das Möbel­pro­gramm Deut­sche Werk­stät­ten (MDW) in der DDR, in: Zeit­his­to­ri­sche Forschungen/Studies in Con­tem­porary History, Online-Ausgabe, 3 (2006) H. 3, http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Ludwig-3–2006 [20.08.2013].

  11. Vgl. Horn 2010, S. 54ff.

  12. Vgl. Horn 2010, S. 70.

  13. Vgl. Horn 2010, S. 122.

  14. Horn 2010, S. 123.

  15. Horn 2010, S. 124.

  16. http://www.stiftung-industrie-alltagskultur.de/index.php?id=77 [20.08.2013], ab Minute 5:20.