2. DDR-Design?

Um die beson­dere Bedeu­tung des DDR-Designs für die heu­tige Zeit zu ver­an­schau­li­chen, ist es zunächst nicht nur not­wen­dig einen Ein­blick in die ost­deut­sche Gestal­tungs­ge­schichte zu geben, son­dern glei­cher­ma­ßen über even­tu­ell beste­hende Vor­ur­teile auf­zu­klä­ren. Noch um die Jahr­tau­send­wende ver­mit­tel­ten popu­läre Fern­seh­sen­dun­gen wie Die Wochen­show eine recht über­heb­li­che Sicht auf den Osten. So wur­den zum Bei­spiel in der Reihe Cap­tain Chem­nitz regel­mä­ßig Kli­schees der DDR-Bevölkerung auf­ge­grif­fen und diese über­spitzt als unge­bil­det, zurück­ge­blie­ben und arm dar­ge­stellt.1

In Design­ge­schichts­li­te­ra­tur wie dem kurz nach Mau­er­fall ver­öf­fent­lich­tem Schö­nes Einheits-Design: SED fin­det eine ähn­li­che, wenn auch weni­ger komi­sche Dar­stel­lung statt. Neben recher­chier­ten Bei­trä­gen fin­den sich glei­cher­ma­ßen Aus­sa­gen und Ver­all­ge­mei­ne­run­gen, wel­che nicht zusätz­lich durch Argu­mente oder Bei­spiele unter­mau­ert wer­den. Gleich im ers­ten Kapi­tel wird die Qua­li­tät von Ost-Produkten nach scha­blo­ni­sier­tem Mus­ter skizziert:

„Am Mor­gen nach der Revo­lu­tion klin­gelt der Wecker noch ble­chern wie zuvor, ist der Elektro-Rasierer […] krat­zig und der brü­chige Müll­ei­mer­ein­satz­beu­tel […] durch­ge­weicht wie eh und je.“2

An ande­rer Stelle heißt es sogar

„Den rea­len Ent­wick­lun­gen im Design des Wes­tens wurde jedoch nur durch Imi­tate hin­ter­her­ge­hinkt.“3

und lässt ver­mu­ten, dass in der DDR keine eigen­stän­dige Gestal­tung statt­ge­fun­den habe. Diese Ansicht ver­tritt ebenso das Design Lexi­kon Deutsch­land und klam­mert des­halb die ost­deut­sche Gestal­tung nicht nur aus, son­dern bezeich­net diese oben­drein als „ein Ver­sa­gen, das his­to­risch sei­nes­glei­chen sucht“.4 Auch viele aktu­el­lere Design­ge­schichts­pu­bli­ka­tio­nen ver­nach­läs­si­gen das DDR-Design weitgehend.

Dabei schien es doch eine aus­ge­spro­chen gute Aus­gangs­lage gehabt zu haben, denn alle drei Bil­dungs­ein­rich­tun­gen des inter­na­tio­nal gelob­ten Bau­hau­ses befan­den sich in ost­deut­schen Städ­ten. Einige Ehe­ma­lige, wie zum Bei­spiel Mari­anne Brandt, Mart Stam, Franz Ehr­lich, Albert Buske und Sel­man Sel­ma­na­gić, lehr­ten und arbei­te­ten dort. Der prä­gende Leit­satz von Han­nes Meyer, zwei­ter Direk­tor des Bau­hau­ses, Volks­be­darf statt Luxus­be­darf ver­mit­telt den Anschein exakt in der sozia­lis­ti­schen Grund­ein­stel­lung der DDR auf­zu­ge­hen.5

Aus­ge­hend von die­sem Hin­ter­grund­wis­sen wird das DDR-Design und des­sen Eigen­schaf­ten, wie auch die Gründe für die heu­tige Unbe­kannt­heit, auf den fol­gen­den Sei­ten genauer erläu­tert wer­den. Dabei soll ins­be­son­dere ein genaue­rer Blick auf die Qua­li­tä­ten der DDR-Produkte fal­len und den zu Beginn erwähn­ten Urtei­len kri­tisch gegen­über­ge­stellt werden.

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  1. Vgl. http://www.youtube.com/watch?v=2rxbiHIGrz4 [20.08.2013]

  2. Georg C. Bertsch/Ernst Hed­ler, SED Schö­nes Einheits-Design, Köln 1990, S. 7.

  3. Bertsch/Hedler 1990, S. 28.

  4. Marion Godau/Bernd Pols­ter, Design Lexi­kon Deutsch­land, Köln 2000, S. 72.

  5. Inwie­fern die DDR wirk­lich sozia­lis­tisch war soll hier nicht genauer erör­tert wer­den.