3.1 Design-Inflation

Zunächst muss dazu aber unsere heu­tige Gesell­schaft und das dazu­ge­hö­rige Desi­gn­ver­ständ­nis etwas genauer betrach­tet wer­den. So sind sich weit­hin viele eta­blierte Desi­gn­for­scher und –kri­ti­ker einig, dass der Begriff Design von der All­ge­mein­heit oft­mals mit Sty­ling, Deko­ra­tion, oder – um auch beschrei­bende Adjek­tive zu nen­nen – mit edel, teuer und aus­ge­fal­len asso­zi­iert wird. Gleich­zei­tig hat sich das Wort unwi­der­sprech­lich zu einem auf­wer­ten­dem Füll­wort eta­bliert. Son­der­bare Neo­lo­gis­men wie Blu­men– oder Haar-Design sind aus die­ser Tat­sa­che her­aus ent­stan­den1 und auch im Han­del lässt sich inzwi­schen nicht nur Designer-Kleidung fin­den, son­dern ebenso –Radios und –Kugel­schrei­ber, wel­che simul­tan gern durch neuartig-auffallende For­men­spra­chen geprägt sind. Auf diese alar­mie­ren­den Ent­wick­lun­gen macht Mateo Kries in sei­ner, wenn auch auf­grund ein­zel­ner inhalt­li­cher Nach­läs­sig­kei­ten bemän­gel­ter, Publi­ka­tion Total Design – Die Infla­tion moder­ner Gestal­tung aufmerksam.

Als wei­tere Bei­spiele sol­len an die­ser Stelle die schein­bar wider­sprüch­li­chen Ent­würfe des popu­lä­ren Desi­gners Phil­ippe Starck betrach­tet wer­den. Diese schei­nen gut in jenes Mus­ter zu pas­sen und wer­den von Kries wie folgt gekennzeichnet:

“Starcks Zahn­bürs­ten, Klo­bürs­ten, Stühle oder Zitrus­pres­sen wer­den nicht des­halb gekauft, weil sie so dezent oder gar prak­tisch wären, son­dern weil man ihnen anse­hen kann, dass ein Desi­gner daran Hand ange­legt hat.“2

Der Desi­gner selbst, wel­cher zugibt mit sei­nen Gestal­tun­gen haupt­säch­lich die Kom­mu­ni­ka­tion der Men­schen unter­ein­an­der för­dern zu wol­len,3 erstellt Objekte, wel­che für mög­lichst jeden Käu­fer preis­lich erwerb­bar sein sol­len und zugleich aber ebenso bewusste Luxus­ar­ti­kel, wie etwa die berühmte Zitro­nen­presse Juicy Salif, wel­che zehn Jahre nach ihrer erst­ma­li­gen Ver­öf­fent­li­chung bei Alessi sogar in einer ver­gol­de­ten, limi­tier­ten Auf­lage erschien, ohne dabei aber für einen zweck­mä­ßi­gen Ein­satz taug­lich zu sein – denn Gold rea­giert emp­find­lich auf einen Kon­takt mit säu­re­hal­ti­gen Sub­stan­zen. Juicy Salif ver­an­schau­licht ein Gestal­tungs­ver­ständ­nis, bei dem die Grenze zwi­schen Kunst und Design auf­ge­ho­ben wer­den soll. Das Objekt soll nicht ein­fach nur ein beste­hen­des Pro­blem die­nend unter­stüt­zen, son­dern pri­mär eine Bot­schaft trans­por­tie­ren. Dadurch stellt es sich, im Gegen­satz zu rein funk­tio­na­len Lösun­gen, bewusst in den Mit­tel­punkt des Gesche­hens, was dem Käu­fer aller­dings auch schon von Beginn an bewusst ist. Pro­ble­ma­tisch wird die­ses zur Schau aus­ge­stellte Sym­bol, sobald das Pro­dukt als zu auf­dring­lich und pene­trant wahr­ge­nom­men wird, oder das Sym­bol auf­grund einer per­sön­li­chen Ver­än­de­rung oder eines modi­schen Wech­sels keine Aktua­li­tät mehr besitzt. Dar­auf fol­gend kann des­sen Ent­sor­gung bezie­hungs­weise Aus­tausch begüns­tigt wer­den, welche/r im Fall der Zitro­nen­presse jedoch durch den ihr zuge­spro­che­nen Ruhm erschwert wird.

Obwohl Starck eine aus mate­ri­el­len Gütern beste­hende Welt ver­ab­scheut,4 erschafft er gleich­zei­tig Ent­würfe, wel­che als wesent­li­chen Bestand­teil Merk­male von Sta­tus­sym­bo­len ver­kör­pern und somit ein sol­ches kon­sum­ori­en­tier­tes Sys­tem wei­ter inten­si­vie­ren. Unent­schlos­sen­heit spie­gelt dies­be­züg­lich auch sein kürz­lich vor­ge­stell­tes Elek­tro­fahr­zeug wie­der, das keine für den All­tag gebräuch­li­chen Höchst­ge­schwin­dig­kei­ten erreicht und ver­meint­lich eher für über­di­men­sio­nierte Pri­vat­grund­stü­cke ent­wi­ckelt wurde.5 Obgleich er sich bewusst ist, durch­aus einen maß­geb­li­chen Ein­fluss auf unsere Umwelt zu haben, behaup­tet er nicht über die Mög­lich­kei­ten zu ver­fü­gen mit sei­nen Ent­wür­fen Leben ret­ten zu kön­nen.6 “Alles, was ich gestal­tet habe, ist abso­lut unnö­tig.”,7 behaup­tete er sogar 2008. Über welt­be­kannte Publi­ka­tio­nen eines Vic­tor Papa­n­eks oder vor­bild­li­chen Design-Lösungen, wie das güns­tig zu pro­du­zie­rende, Land­mi­nen zer­stö­rende Objekt, eines Mas­soud Has­sani,8 scheint Starck offen­bar nicht aus­rei­chend infor­miert zu sein. Seine Designs schei­nen somit weni­ger auf Funk­tio­na­li­tät und Pro­blem­lö­sung (Funk­tio­na­lis­mus) als viel­mehr auf die Erzeu­gung von Emo­tio­nen (Emo­tio­na­lis­mus) fokus­siert zu sein. Dies muss nicht zwin­gend falsch sein, da die Freude an einem Gegen­stand fer­ner­hin zu des­sen Nutz­bar­keit bei­trägt und ebenso die Wert­schät­zung erhö­hen kann. Gleich­zei­tig führt eine zu starke Ten­denz in diese Rich­tung, aller­dings zu einem rein deko­ra­tiv und kon­sum­för­dernd wahr­ge­nom­me­nen Zweck des Designs, wie auch an den Ent­wick­lun­gen zur heu­ti­gen Defi­ni­tion des Begriffs in der all­ge­mei­nen Bevöl­ke­rung erkenn­bar gewor­den ist.

Auf die Frage, warum Starck Indus­trie­de­si­gner gewor­den ist, ant­wor­tete er:

“Das ist eine inter­es­sante Frage. Und ich habe sie für mich noch nicht wirk­lich beant­wor­tet. Sehen Sie, ich habe so viele Dinge gestal­tet, ohne wirk­lich an ihnen inter­es­siert zu sein. Viel­leicht waren all die Jahre nötig, damit ich letzt­lich erken­nen konnte, dass wir im Grunde nichts brau­chen. Wir haben immer zu viel.“9
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  1. Auch ein pas­sen­des Bei­spiel hierzu ist die Bezeich­nung Torten-Design. Gese­hen in Ham­burg, 2012.
    Torten-Design

  2. Mateo Kries, Total Design – Die Infla­tion moder­ner Gestal­tung, Ber­lin 2010, S. 53.

  3. Vgl. Donald A. Nor­man, Emo­tio­nal Design – Why we love (or hate) things, New York 2004, S. 112.

  4. Vgl. http://www.youtube.com/watch?v=yMfcPZ2-ZTA, ab Minute 4:20 [20.08.2013].

  5. Vgl. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/philippe-strack-praesentiert-elektro-mobil-auf-dem-genfer-autosalon-a-821545.html [20.08.2013].

  6. Vgl. http://www.youtube.com/watch?v=yMfcPZ2-ZTA, ab Minute 3:13 [20.08.2013].

  7. http://www.zeit.de/2008/14/Designer-Starck-14 [20.08.2013].

  8. Vgl. http://vimeo.com/51887079 und http://vimeo.com/27445875 [beide 20.08.2013].

  9. http://www.zeit.de/2008/14/Designer-Starck-14 [20.08.2013].