3.2 Wegwerfgesellschaft

Um nun den Kon­trast zwi­schen unse­rer all­ge­mein ver­brei­te­ten Denk­weise und dem eines DDR-Bürgers zu her­vor­zu­he­ben, ist eine ebenso ver­all­ge­mei­nerte Dar­stel­lungs­weise unaus­weich­lich. Peter Praschl schrieb 2011 dazu einen tref­fen­den Arti­kel im Süd­deut­sche Zei­tung Maga­zin. Darin behaup­tet Praschl, dass unsere Unlust Dinge zu repa­rie­ren nicht davon käme, dass wir nicht den Ein­fall hät­ten selbst Hand an einem Scha­den anzu­le­gen ‒ sei es ein Pro­dukt, eine mensch­li­che Bezie­hung oder auch die eigene Psy­che. Viel­mehr wären die Gründe an unse­rem Unwis­sen über die Durch­füh­rung einer Repa­ra­tur zu suchen, oder auch schlicht darin, dass diese uns zu auf­wän­dig seien. Des­halb seien die ein­zi­gen Lösungs­mög­lich­kei­ten ent­we­der einen beschä­dig­ten Gegen­stand zur Repa­ra­tur ein­zu­schi­cken und abzu­war­ten – was nicht nur Zeit, son­dern ins­be­son­dere auch Geld ver­langt – oder den Repa­ra­tur­dienst kom­men zu las­sen. Dies ist sicher­lich die schnellste und bequemste Lösung, aber simul­tan die finan­zi­ell belast­endste. Beide Lösun­gen gäben uns außer­dem ein demü­ti­gen­des Gefühl, wenn man bedenke, wie frü­here Gene­ra­tio­nen, durch ihre hand­werk­li­chen Erfah­run­gen, man­che Repa­ra­tu­ren noch selbst erle­dig­ten.1 Am Bei­spiel eines elek­tri­schen Pürier­stabs benennt Praschl die dritte und letzte Alter­na­tive, das Weg­wer­fen. Denn

„ers­tens wüsste man nicht, wo man ihn ver­arz­ten las­sen könnte. Zwei­tens: Falls es einen Pürier­stab­re­pa­ra­tur­la­den gäbe, könnte man sich für die Sanie­rungs­kos­ten fünf neue Pürier­stäbe kau­fen. Drit­tens: Wer ist schon so beknackt, einen kaput­ten Pürier­stab wie­der heil machen zu wol­len? Der moderne Mensch sicher nicht.“2

Fort­füh­rend erklärt er, dass einen maß­ge­ben­den Anteil an unse­rer Denk­weise auch die schnel­len Inno­va­ti­ons­zy­klen in der Tech­nik haben, sodass man bei­spiels­weise froh ist, wenn man seine alte Digi­tal­ka­mera mit drei Mega­pi­xeln gegen eine mitt­ler­weile neuere, mit zwölf Mega­pi­xeln aus­tau­schen kann.3 Zusätz­lich ist hier am Bei­spiel digi­ta­ler Kom­pakt­ka­me­ras zu ergän­zen, dass diese in vie­len Fäl­len die vor­han­de­nen Mega­pi­xel auf der Vor­der­seite sicht­lich erkenn­bar ange­bracht haben. Da die Angabe der Mega­pi­xel auch häu­fig über die Aktua­li­tät, und somit gleich­zei­tig über den Wert, des Innen­le­bens berich­tet,4 zeigt der Nut­zer somit umge­be­nen Per­so­nen, durch das Äußere des ver­wen­de­ten Pro­dukts, öffent­lich seine tech­ni­sche Aktua­li­tät. Inner­halb weni­ger Jahre mag dies noch nicht auf­fäl­lig oder gar schlimm erschei­nen, doch wer heute in Gesell­schaft eine alte, schwer­fäl­lige, womög­lich sogar ana­loge Kamera ver­wen­det, kann zumin­dest ver­wun­derte Bli­cke ern­ten. Den einen oder ande­ren mag diese Tat­sa­che nicht stö­ren, doch gerade Per­so­nen, wel­che auch nur annä­hernd Tech­nik als Wider­spie­ge­lung des eige­nen Sta­tus­sym­bols erfas­sen, erhal­ten durch diese sicht­bar gemachte Aktua­li­tät zusätz­li­che Gründe für eine Neu­an­schaf­fung. John Maeda bezeich­net sol­che prä­gnant erkenn­bare Anga­ben als Ver­deut­li­chung von ober­fläch­lich nicht sicht­ba­rer Qua­li­tät. Die ver­steck­ten Eigen­schaf­ten wer­den somit durch den äuße­ren Hin­weis wahr­nehm­bar gemacht und bewor­ben.5 Eine Folge dar­aus sind jedoch auch Sehn­süchte auf Kun­den­seite, die unmit­tel­bar vor dem eigent­li­chen Kauf geweckt wer­den und Jahre spä­ter das genaue Gegen­teil bewir­ken. Die zeit­li­che Ein­schät­zung ist streng genom­men nicht defi­nier­bar, bedenkt man, dass die tech­ni­schen Inno­va­ti­ons­zy­klen eine immer schnel­lere Geschwin­dig­keit annehmen.

Bezüg­lich der Unlust zum Repa­rie­ren fügt Praschl hinzu, dass sich man­che Dinge auch gar nicht mehr repa­rie­ren las­sen, da sie fest ver­schlos­sen sind, oder auf­grund der Ver­wen­dung von Elek­tro­nik es sich nicht able­sen lässt, was repa­riert wer­den muss. Praschl ver­misst Anschaf­fun­gen für die Ewig­keit und ver­bin­det die Weg­werf­men­ta­li­tät oben­drein mit gesell­schaft­li­chen Bezügen:

„Die Möbel, die man bei IKEA kauft, sind Lebens­ab­schnitts­be­glei­ter bis zum nächs­ten Umzug und zur nächs­ten Bezie­hung und erlei­den des­we­gen oft schon bei der Erst­mon­tur Defekte, die man nie wie­der behebt. Geht die Jahre auch so.“6

Neben dem Auf­ruf Mut für eine selbst­stän­dige Repa­ra­tur zu haben ‒ denn man lernt auch bei Nicht­er­folg aus ihr ‒ befür­wor­tet Peter Praschl viel­leicht unbe­wusst die Gebrauchspatina-Theorie Die­t­els und ist somit

„[…] gegen die lieb­lose Ideo­lo­gie, dass alles, was Krat­zer und Schram­men hat, aus dem Leben raus­muss[!]“7
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  1. Vgl. Peter Praschl, Macht kaputt, was euch kaputt geht, in: Süd­deut­sche Zei­tung Maga­zin, Heft 39, 2011, S. 35.

  2. Praschl, in: Süd­deut­sche Zei­tung Maga­zin, Heft 39, 2011, S. 35.

  3. Praschl, in: Süd­deut­sche Zei­tung Maga­zin, Heft 39, 2011, S. 35.

  4. Selbst­ver­ständ­lich ent­schei­den Mega­pi­xel alleine nicht über die Bild­qua­li­tät.

  5. Vgl. John Maeda, Sim­p­li­city ‒ Die zehn Gesetze der Ein­fach­heit, Mün­chen 2007, S. 8f.

  6. Praschl, in: Süd­deut­sche Zei­tung Maga­zin, Heft 39, 2011, S. 35.

  7. Praschl, in: Süd­deut­sche Zei­tung Maga­zin, Heft 39, 2011, S. 35.