3.3.1 Wie es zur geplanten Obsoleszenz kam

Die erste Erwäh­nung der geplan­ten Obso­les­zenz fand bereits 1932 im Titel Ending the depres­sion through plan­ned obso­le­scence des Immobilien-Maklers Ber­nard Lon­don statt. Nach dem New Yor­ker Bör­sen­crash 1929, der eine welt­weit hohe Arbeits­lo­sig­keit zur Folge hatte, machte Lon­don mit die­ser Ver­öf­fent­li­chung den Vor­schlag Pro­dukte mit einem künst­li­chen Ablauf­da­tum aus­zu­stat­ten, um durch erhöhte Nach­frage die wirt­schaft­li­che Kri­sen­zeit zu über­brü­cken. Nach der ange­ge­ben Zeit sollte das jewei­lige Pro­dukt an einer Sam­mel­stelle zurück­ge­ge­ben und dort zer­stört wer­den. Eine Ver­wei­ge­rung der Abgabe sollte eine Straf­ge­bühr nach sich­brin­gen. Zu einer Umset­zung die­ser Idee kam es aller­dings nie.1

Einer der bekann­tes­ten Fälle geplan­ter Obso­les­zenz zeigte sich noch vor dem Plan Ber­nard Lon­dons in der Auto­in­dus­trie. Nach­dem Henry Ford mit sei­nem Modell T 1908 ein robus­tes und zuver­läs­si­ges Auto ent­wi­ckelt hatte, ver­suchte das Unter­neh­men Gene­ral Motors 1923 die Tin Liz­zie durch modi­schere Designs zu ver­drän­gen. Vor allem Frauen hat­ten an dem zwar güns­ti­gen aber schwach ästhe­ti­schen Modell T wenig Gefal­len. Außer­dem war der Wagen seit der Her­stel­lung prak­tisch unver­än­dert, wes­halb der neue Che­v­ro­let ein gro­ßer Erfolg wurde. Zusätz­lich wurde jedes Jahr ein neues Modell auf den Markt gebracht, mit neuen Far­ben und For­men, sodass man par­al­lel an jedem Wagen die Aktua­li­tät erken­nen konnte.2 Der dama­lige Chef­de­si­gner Har­ley Earl gab zu:

„Our big job is to has­ten obso­le­scence. In 1934 the aver­age car ownership span was 5 years: now [1955] it is 2 years. When it is 1 year, we will have a per­fect score.“3

Gleich­falls ist der berühmte Desi­gner Ray­mond Loewy für seine modisch gestal­te­ten Ver­kehrs­mit­tel, Haus­halts­wa­ren oder Möbel bekannt. Er setzte Sty­ling bewusst ein, um die Nach­frage zu ver­grö­ßern und arbei­tete mit Strom­li­ni­en­for­men, die in den zwan­zi­ger Jah­ren zunächst aus aero­dy­na­mi­schen Grün­den und ab den Drei­ßi­gern zuneh­mend auch zur ästhe­ti­schen Unter­stüt­zun­gen ver­wen­det wur­den. Ein Para­de­bei­spiel des Sty­lings ist Loewys strom­li­ni­en­för­mi­ger Blei­stift­spit­zer, wel­cher für sei­nen eigent­li­chen Zweck gar kei­nen gerin­gen Luft­wi­der­stand bie­ten müsste. Hier bewahrt höchs­tens der anhaf­tende Ruhm des Objekts vor einer eigent­lich nicht not­wen­di­gen Entsorgung.

Zusätz­lich soll an die­ser Stelle noch ein Bei­spiel eines aktu­el­len Her­stel­lers genannt wer­den, wel­cher mit sei­nen Pro­duk­ten sowohl die qua­li­ta­tive, die funk­tio­nale, als auch die psy­chi­sche Obso­les­zenz ver­folgt und dabei stell­ver­tre­tend aber ebenso für seine Mit­be­wer­ber steht. Von Apple hat der all­ge­meine Kunde ein eher posi­ti­ves Bild: Schlich­tes Design, inno­va­tive Tech­nik, gute Ver­ar­bei­tung und umwelt­freund­li­che, weil spar­same Ver­pa­ckung. Durch die Ver­än­de­rung der Pro­dukt­ge­stal­tung, ins­be­son­dere ab der Jahr­tau­send­wende, und die seit­dem deut­li­che Anknüp­fung an den ehe­ma­li­gen Braun-Designer Die­ter Rams,4 ent­steht schein­bar Design für die Ewig­keit. Doch, wie es auch Harald Klinke sieht, ver­wen­det das Apple-Design ein­deu­tig die Merk­male psy­cho­lo­gi­scher Obsoleszenz:

„Stra­te­gie ist es, den Kun­den ohne tech­ni­schen Grund zum frei­wil­li­gen Ersatz zu ani­mie­ren.“5

Erklä­ren lässt sich dies unter ande­rem an der schnel­len Abnut­zung der Ober­flä­che, wel­che bei den Touch-Geräten nicht nur schnell von Fin­ger­ab­drü­cken ver­schmutzt wird, son­dern auch von Krat­zern beschä­digt ist.6 Beson­ders prä­gnant wird diese Behaup­tung an der Rück­flä­che des iPod Touch bis zur vier­ten Gene­ra­tion.7 Diese Beschleu­ni­gung führt nicht nur zu einem schnell ver­al­tet wir­ken­dem Äuße­ren, son­dern ebenso zu einer Begren­zung im Gebraucht­wa­ren­han­del, wel­che durch kos­ten­lose und per­sön­li­che Gra­vu­ren, die Apple beim Kauf eines Neu­ge­rä­tes anbie­tet, ver­stärkt wird. Durch stän­dig wech­selnde, obwohl ver­meint­lich zeit­los wir­kende, Pro­dukt­de­signs und tech­nisch ver­bes­ser­ten Aus­stat­tun­gen, erschei­nen die vor­he­ri­gen Pro­dukte schnell obso­let. Auch die Ähn­lich­keit zur Stra­te­gie von Gene­ral Motors macht Klinke sehr deut­lich: 1998 war der typi­sche Rech­ner grau und eckig, bis der erste iMac erschien, wel­cher abge­run­det und in ver­schie­de­nen Far­ben erhält­lich war.8 Durch die äußer­lich ables­bare Leis­tung des Innen­le­bens und des Erschei­nungs­jah­res wird „das Elek­tro­nik­pro­dukt [.] so zu einem Mode­ac­ces­soire, zum Sta­tus­sym­bol.“9 Damit die Nut­zer beim Neu­kauf wie­der zu Apple-Produkten grei­fen, wer­den sie zuvor etwa durch iTu­nes an das Unter­neh­men gebun­den. Bei die­ser Kan­ni­ba­li­sie­rung der Pro­dukte10 betont Harald Klinke beson­ders die psy­chi­sche, als auch die funk­tio­nale Obso­les­zenz, unter­schätzt aber den qua­li­ta­ti­ven Schwer­punkt.11 Viele Apple-Produkte sind fest ver­schlos­sen ‒ man benö­tigt bei den neue­ren Model­len spe­zi­elle Werk­zeuge, die es im übli­chen Han­del nicht zu kau­fen gibt ‒ und haben somit eine maxi­male Lebens­dauer ent­spre­chend der Lade­zy­klen. Fer­ner­hin wer­den einige von ihnen, um kleinst­mög­li­che Grö­ßen zu erhal­ten, durch Ver­kle­bun­gen mit der Pla­tine so ent­wi­ckelt, dass bestimmte Teile kaum aus­tausch­bar sind. Das Mac Book Pro mit Retina-Display ist sogar nahezu unre­pa­rier­bar. Konnte man bis­her bei Note­books zumin­dest den Arbeits­spei­cher aus­tau­schen oder erwei­tern, ist die­ser dort nun fest ver­lö­tet.12 Die zusätz­lich ange­bo­tene Garan­tie­ver­län­ge­rung von einem Jahr auf drei Jahre, ist zwar eine freund­li­che Option, kos­tet bei die­sem Gerät aber beacht­li­che 349 Euro.13 Ähn­li­che Stra­te­gien ver­fol­gen aller­dings auch andere Her­stel­ler unverkennbar.

Die­ter Rams selbst defi­nierte Pro­dukte mit vor­zei­ti­gem Ver­schleiß jedoch als Mätz­chen:14

„Dinge, die nicht umwelt­ge­recht sind und die nicht in die Zeit pas­sen. Und in die Zeit pas­sen nicht mehr Pro­dukte, die wir mor­gen wie­der weg­wer­fen. Wir brau­chen nicht viel, wir brau­chen Bes­se­res“15

Auf die Behaup­tung des Jour­na­lis­ten, dass ein Unter­neh­mer dann aber befürch­ten müsste pleite zu gehen, benennt Rams einen ent­schei­den­den Punkt:

„Man kann auch vom Ser­vice leben, wenn man den rich­tig gut macht.“16
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  1. Vgl. Cosima Dannorit­zer, Film „Kau­fen für die Müll­halde“, 2010, ab Minute 20:55.

  2. Vgl. Cosima Dannorit­zer, Film „Kau­fen für die Müll­halde“, 2010, ab Minute 18:20 und Harald Klinke, Stra­te­gi­sches Design. Wie Neues alt erscheint – Grund­prin­zi­pien der Pro­dukt­ge­stal­tung bei Apple, in: Sabine Schulze (Hrsg.)/Ina Grätz (Hrsg.), Apple Design, Ost­fil­dern 2011, S. 48.

  3. Giles Slade, Made to Break – Tech­no­logy and Obso­le­scence in Ame­rica, Cam­bridge und Lon­don 2007, S. 45.

  4. Vgl. http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/computer-internet/designer-dieter-rams-im-gespraech-braun-hat-apple-angeregt-ein-kompliment-1981324.html [20.08.2013].

  5. Harald Klinke, in: Schulze (Hrsg.) 2011, S. 47.

  6. Vgl. Harald Klinke, in: Schulze (Hrsg.) 2011, S. 48.

  7. Vgl. etwa http://www.chip.de/artikel/Apple-iPod-touch-4G-64-GB-Test_52896251.html [20.08.2013].

  8. Vgl. Harald Klinke, in: Schulze (Hrsg.) 2011, S. 48f.

  9. Harald Klinke, in: Schulze (Hrsg.) 2011, S. 50.

  10. Vgl. Harald Klinke, in: Schulze (Hrsg.) 2011, S. 51.

  11. Obwohl er die­sen Punkt bereits anspricht, sieht er die Obso­les­zenz den­noch nur bei der ästhe­ti­schen Seite. Zudem scheint er die funk­tio­nale mit der qua­li­ta­ti­ven Obso­les­zenz zu ver­wech­seln. Vgl. Harald Klinke, in: Schulze (Hrsg.) 2011, S. 47.

  12. Vgl. http://ifixit.org/2763/the-new-macbook-pro-unfixable-unhackable-untenable/ [20.08.2013].

  13. Für das 15″ Modell, Stand: 20.08.2013.

  14. http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/computer-internet/designer-dieter-rams-im-gespraech-braun-hat-apple-angeregt-ein-kompliment-1981324.html [20.08.2013].

  15. http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/computer-internet/designer-dieter-rams-im-gespraech-braun-hat-apple-angeregt-ein-kompliment-1981324.html [20.08.2013]

  16. http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/computer-internet/designer-dieter-rams-im-gespraech-braun-hat-apple-angeregt-ein-kompliment-1981324.html [20.08.2013]