3.4 Die aktuellen Gesellschaftsreaktionen

Durch die immer dras­ti­scher ver­kürz­ten Lebens­zei­ten ist die The­ma­ti­sie­rung der geplan­ten Obso­les­zenz aller­dings nicht spur­los an der Gesell­schaft vor­bei­ge­gan­gen. Breite Reak­tio­nen löste die ARTE-Dokumentation Kau­fen für die Müll­halde aus, wel­che nach einer über drei­jäh­ri­gen Recher­che kri­tisch auf die Miss­stände auf­merk­sam machte.1

Ger­hard Heuf­ler macht in sei­ner Lite­ra­tur Design Basics – von der Idee zum Pro­dukt außer­dem auf die sich ver­än­dern­den Sozi­al­ver­hal­ten auf­merk­sam, die durch Weg­werf­pro­dukte und repa­ra­tur­un­fä­hige Dinge begüns­tigt wer­den. So wer­den etwa Kin­der, die zu ihren liebs­ten Spiel­zeu­gen enge Bezie­hun­gen auf­bauen, durch schnell ersetzte Gegen­stände dazu erzo­gen, ent­ste­hende Pro­bleme nicht zu lösen und sich statt­des­sen der Wie­der­her­stel­lung des Ursprungs­zu­stan­des einer Situa­tion zu ver­wei­gern, bezie­hungs­weise diese durch einen Ersatz aus­zu­glei­chen.2 Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass sich die­ser feh­lende Lern­pro­zess zugleich auf mensch­li­che Bezie­hun­gen aus­wir­ken wird. Vic­tor Papa­nek führte diese Über­le­gung sogar auf ganze Land­schaf­ten und Staa­ten aus, wel­che am Bei­spiel aus­ge­nutz­ter Gebiete der soge­nann­ten Drit­ten Welt sogar erschre­ckend demons­tra­tiv ver­an­schau­licht wird.3 Repair Cafés, wie es etwa die Ding­fa­brik in Köln anbie­tet,4 sind gesell­schaft­li­che Reak­tio­nen, die die­sem Miss­stand ver­su­chen entgegenzuwirken.

Ste­fan Schridde leis­tet im deutsch­spra­chi­gem Raum durch­ge­hend wirk­same Medi­en­ar­beit mit dem Online­por­tal Murks? Nein Danke! und ver­folgt neben der Auf­klä­rungs­ar­beit das Ziel nach­läs­sige Her­stel­ler zu kenn­zeich­nen und somit die Unter­neh­men zu för­dern, wel­che nach­hal­tige Pro­dukte erzeu­gen. Zusätz­lich macht er mit Vor­trä­gen auf die geplante Obso­les­zenz auf­merk­sam und ver­an­lasste eine Peti­tion, wel­che das eigent­lich ver­bo­tene Ein­bauen eines nicht aus­tausch­ba­ren Akku­mu­la­tors ver­hin­dern soll. Nach § 4 Satz 2 Elek­troG heißt es nämlich:

„Elek­tro– und Elek­tro­nik­ge­räte, die voll­stän­dig oder teil­weise mit Bat­te­rien oder Akku­mu­la­to­ren betrie­ben wer­den kön­nen, sind so zu gestal­ten, dass eine pro­blem­lose Ent­nehm­bar­keit der Bat­te­rien und Akku­mu­la­to­ren sicher­ge­stellt ist.“5

Auch Behaup­tun­gen, dass die aktu­elle Wirt­schafts­lage die Her­stel­ler zu qua­li­ta­tiv bil­li­ge­ren und somit schlech­te­ren Bau­tei­len zwingt, wider­spricht der gelernte Betriebs­wirt: Weil es fast immer um defekte Klein­teile ginge, würde in den meis­ten Fäl­len eine Inves­ti­tion von einem Euro aus­rei­chen, damit die Lebens­dauer eines elek­tro­ni­schen Gerä­tes um fünf bis zehn Jahre erhöht wird.6

Unbe­dingt zu erwäh­nen sind in die­sem Kon­text auch die glo­ba­len Inter­net­auf­tritte ifixit.com und instructables.com. Kos­ten­los wer­den hier Repa­ra­tur­an­lei­tun­gen für alle mög­li­chen Gegen­stände ange­bo­ten, wel­che von den Nut­zern selbst erstellt und geteilt wer­den. Durch diese Platt­for­men ist es, anhand eines Punk­te­sys­tems, oben­drein mög­lich sich vor dem Kauf eines Gerä­tes über die Kom­ple­xi­tät einer gege­be­nen­falls spä­ter not­wen­di­gen Repa­ra­tur zu erkun­di­gen. Unter ande­rem kann man dort auch Son­der­werk­zeuge zum Öff­nen der Apple-Produkte erwer­ben. Glei­cher­ma­ßen sind Anlei­tun­gen für das Her­stel­len von eige­nen Pro­dukt­ideen verfügbar.

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  1. http://www.arte.tv/de/3714422,CmC=3714270.html [20.08.2013].

  2. Vgl. Ger­hard Heuf­ler, Design Basics – von der Idee zum Pro­dukt, Zürich 2012, S. 31.

  3. Vgl. Vic­tor Papa­nek, Design for the real world – Human Eco­logy and Social Change, zweite und erw. Aufl., Lon­don 1984, S. 87.

  4. Die Idee selbst stammt aus den Nie­der­lan­den: Vgl. http://repaircafe.nl [20.08.2013].

  5. http://www.gesetze-im-internet.de/elektrog/__4.html [20.08.2013].

  6. Vgl. http://www.geo.de/GEO/natur/oekologie/72167.html [20.08.2013].