3.5.2 Wo man diese Eigenschaften heute finden kann

Die Eigen­schaf­ten des DDR-Designs wer­den von man­chen Gestal­tern heute auch bereits erfolg­reich umge­setzt. Der Ber­li­ner Archi­tekt Van Bo Le-Mentzel tritt mit sei­nen soge­nann­ten Hartz-IV-Möbeln viel­leicht unbe­wusst in die Fuß­stap­fen Rudolf Horns. Über den Webauf­tritt hartzivmoebel.de las­sen sich bis­her zwölf unter­schied­li­che Bau­an­lei­tun­gen für Möbel fin­den. Bezah­len muss der Inter­es­sierte mit einer Erzäh­lung sei­ner Moti­va­tion, sowie einer Doku­men­ta­tion des fer­tig gebau­ten Möbel­stücks oder wahl­weise auch etwas ganz ande­rem. Die Möbel Le-Mentzels gibt es nicht zu kau­fen, son­dern sind nur zum Sel­ber­bauen ver­füg­bar. So zum Bei­spiel der 24 Euro Ses­sel, wel­cher dem Funktionalismus-Gedanken ent­spre­chen soll1 und anders als die heu­ti­gen Bau­haus­klas­si­ker für deut­lich weni­ger Geld jedem zur Ver­fü­gung steht. Damit fußt Van Bo Le-Mentzel nicht nur, wie auch Rudolf Horn, auf das Credo Mey­ers Volks­be­darf statt Luxus­be­darf, um einer brei­ten Gesell­schafts­schicht Zugang zu guter Gestal­tung zu gewäh­ren, son­dern hat die zusätz­li­che Moti­va­tion Men­schen zum einen durch gemein­schaft­li­ches Zusam­men­bauen wie­der anein­an­der näher zu brin­gen, zum ande­ren das Bedürf­nis zu wecken, dass diese „wie­der etwas mit ihren eige­nen Hän­den [.] machen“.2 Er han­delt also nicht nur nach einem sozia­len Grund­ge­dan­ken, son­dern ebenso nach voll­stän­di­ger Offen­heit und dem Bestre­ben der Weg­werf­ge­sell­schaft hand­werk­li­ches Kön­nen bei­zu­brin­gen. Somit unter­schei­det er sich dane­ben von ande­ren bekann­ten Open Design–Grö­ßen wie etwa dem, 1964 in Israel gebo­re­nen, Ber­li­ner Ronen Kadus­hin, dem es vor­nehm­lich um eine Ver­än­de­rung der bis­he­ri­gen Wert­schöp­fungs­kette geht.

Wie Rudolf Horn im Pro­jekt Varia­bles Woh­nen dem Nut­zer Platz zur Selbst­ver­wirk­li­chung gab, soll der Nut­zer bei Le-Mentzel ebenso die Mög­lich­keit besit­zen sei­nen eige­nen Spiel­raum zu verwirklichen:

“Die meis­ten bauen die Möbel näm­lich ganz anders, als ich das im Bau­plan vor­ge­se­hen habe, und das ist gut so.“3

Der güns­tige Ber­li­ner Hocker, wel­cher inner­halb von zehn Minu­ten gebaut wer­den kann, ist sogar sol­cher­ma­ßen mul­ti­funk­tio­nal, dass man ihn nicht nur als Sitz­ge­le­gen­heit ver­wen­den kann, son­dern ebenso als Tisch oder, in Ver­bin­dung mit wei­te­ren Hockern, als unend­lich erwei­ter­ba­res Regal­sys­tem. Ver­ständ­li­cher­weise wird die­ses Möbel nicht nur von Pri­vat­per­so­nen, son­dern vor allem auch etwa im Rah­men von Benefiz-Aktionen von Schu­len und Kin­der­gär­ten gemein­sam gebaut.

Über­trägt man die Merk­male des offe­nen Prin­zips auf digi­tale Anwen­dun­gen, so wird die­ses durch das Inter­net schon seit lan­ger Zeit erfolg­reich ange­wen­det. Heute wer­den dem Nut­zer unzäh­lige Mög­lich­kei­ten gege­ben, sich inter­ak­tiv mit belie­bi­gen The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen, Wis­sen zu erhal­ten und zu ver­öf­fent­li­chen oder digi­tale Inhalte zu tei­len. Open Con­tent, Open Access und Open Source sind wir­kungs­volle Ent­wick­lun­gen, wel­che aktu­ell jedoch stel­len­weise noch für Dis­kus­sio­nen um das Urhe­ber­recht und den Daten­schutz sor­gen. Die kos­ten­lose Betriebssystem-Alternative Linux ermög­licht dem Ver­wen­der das Sys­tem sei­nen eige­nen Wün­schen und Vor­stel­lun­gen anzu­pas­sen.4 Inzwi­schen sind mit Ubuntu Phone, Tizen, Fire­fox und Sailfish auch schon eine Reihe offe­ner Betriebs­sys­teme für Smart­pho­nes verfügbar.

Ein gelun­ge­nes Bei­spiel von lang­le­bi­ger, offe­ner, nütz­li­cher, mul­ti­funk­tio­na­ler, umwelt­freund­li­cher, redu­zier­ter und mensch­li­cher Phy­sis ange­pass­ter Gestal­tung an einem elek­tro­ni­schen Gerät ist der Lap­top XO-1. Die­ser trag­bare Com­pu­ter der Initia­tive One Lap­top Per Child (OLPC) wurde spe­zi­ell für den Schul­un­ter­richt in Ent­wick­lungs­län­dern ent­wi­ckelt und nur mit den nötigs­ten Mate­ria­lien und Kos­ten her­ge­stellt. Die ein­ge­baute Hard­ware reicht zwar nicht für leis­tungs­starke Ansprü­che, aber voll­kom­men für die wich­tigs­ten Funk­tio­nen wie Texte und E-Mails schrei­ben, rech­nen, im Inter­net sur­fen, Filme schauen, Musik hören und E-Books lesen. Der Bild­schirm kann umge­klappt wer­den und sich zusätz­lich als Touch­screen ver­wen­den las­sen. Da in Ent­wick­lungs­län­dern ein umfas­sen­der Aus­bau von flä­chen­de­cken­dem Inter­net noch nicht vor­han­den ist, las­sen sich Anten­nen aus­klap­pen, die eine Daten­wei­ter­lei­tung über bis zu zwan­zig wei­tere Com­pu­ter ermög­li­chen, sodass auto­ma­tisch den Nut­zern in nähe­rer Umge­bung ein Inter­net­zu­gang bereit­ge­stellt wird. Auch der Bild­schirm spie­gelt nicht bei Son­nen­licht, was sich gerade bei feh­len­den Lehr­räu­men als nütz­lich erweist. Zudem ist der Rech­ner, da er vor allem für Kin­der her­ge­stellt wird, sehr robust und vor Spritz­was­ser und Schmutz geschützt. Er ver­braucht zehn­mal weni­ger Ener­gie als ein her­kömm­li­cher Lap­top und kann unter ande­rem über Son­nen­licht oder mit­hilfe einer Hand­kur­bel auf­ge­la­den wer­den.5 Zusätz­lich hat die Bat­te­rie eine lange Lebens­dauer und ver­wen­det keine gif­ti­gen Schwer­me­talle. Das Betriebs­sys­tem basiert auf Linux und die instal­lier­ten Pro­gramme kön­nen per Tas­ten­druck und durch einen offen zugäng­li­chen Quell­code modi­fi­ziert wer­den. Unter Ver­wen­dung des OLPC-Wikis wer­den even­tu­ell anfal­lende Repa­ra­tu­ren über­sicht­lich und bebil­dert beschrie­ben.6 Die­ses Bei­spiel zeigt ein Kon­zept, wel­ches sich sicher­lich auch auf unsere heu­ti­gen übli­chen Com­pu­ter anwen­den lässt. Gleich­zei­tig ver­deut­licht es, dass gutes Design nicht teuer sein muss. Heu­tige Rech­ner bie­ten zwar mehr Leis­tung, müs­sen aber bei einem Scha­den häu­fig ganz ersetzt wer­den, da hier die Repa­ra­tu­ren ähn­lich teuer wer­den wie ein Neu­kauf. Im Gegen­satz zu einem Dru­cker sind auf einem mobi­len Rech­ner, der berufs­be­dingt häu­fig genutzt wer­den muss, auch per­sön­li­che Daten gespei­chert, die ent­we­der ver­lo­ren gehen oder mit viel Mühe, Zeit und Geld wie­der­her­ge­stellt wer­den müs­sen. Der regel­mä­ßige Leis­tungs­schub, der sich durch aktu­elle Rech­ner ergibt ist zudem für viele Per­so­nen, die außer typi­schen Office-Anwendungen und Inter­net keine ande­ren Ansprü­che haben, nicht zwin­gend von Notwendigkeit.

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  1. Inspi­riert wurde der Ent­wurf, nach Anga­ben Le Van Bos, durch den Crate Chair Ger­rit Riet­velds, dem Arm­chair Erich Dieck­manns, dem Was­sily Ses­sel Mar­cel Breu­ers und dem Bar­ce­lona Ses­sel Lud­wig Mies Van der Rohes.: Vgl. http://www.hartzivmoebel.de/ [20.08.2013]

  2. http://www.art-magazin.de/design/42974/ [20.08.2013].

  3. http://www.art-magazin.de/design/42974/ [20.08.2013].

  4. Vgl. http://www.jens-kassner.de/wp-content/uploads/2010/10/offenes-prinzip.pdf, 2010, S. 12ff [20.08.2013].

  5. Vgl. http://www.youtube.com/watch?v=Q-P5LsFfaro&feature=g-vrec, ab Minute 2:13 [20.08.2013].

  6. Hier bei­spiels­weise für den Aus­tausch der Hin­ter­grund­be­leuch­tung des Bild­schirms: http://wiki.laptop.org/go/Disassembly_backlight [20.08.2013].