3.6 Visionen

Die genann­ten Bei­spiele sind nur Ein­zel­fälle, jedoch erfolg­rei­che. Le Van Bo freut sich über eine stän­dig wach­sende und begeis­terte Anhän­ger­schaft. Bis zu 800 Bau­an­lei­tun­gen wer­den täg­lich gefor­dert.1 Die Ergeb­nisse des OLPC-Projekts sind größ­ten­teils posi­tiv. So haben sich bei den Schü­lern aus weit­ge­hend armen Fami­lien die geis­ti­gen Fähig­kei­ten, im Unter­su­chungs­zeit­raum von 15 Mona­ten, um fünf Monate schnel­ler ent­wi­ckeln kön­nen. Auch die digi­tale Schere ist klei­ner gewor­den und ermög­licht gleich­zei­tig den Fami­lien der Kin­der die Ver­wen­dung von Com­pu­ter­tech­nik. Ein beste­hen­des Pro­blem sind jedoch wei­ter­hin die Leh­rer selbst, die nicht über Wis­sen ver­fü­gen, wel­ches sie wei­ter­ge­ben kön­nen.2

Doch was wäre, wenn heu­tige Pro­dukt­ge­stal­tung noch viel umfang­rei­cher den Prin­zi­pien des DDR-Design ent­spre­chen würde? Wie sähen die Dinge mit der heute ver­füg­ba­ren Tech­no­lo­gien aus, wenn ein Unter­neh­men die Abkehr vom schnel­len Ver­fall unter­stüt­zen würde? Wenn man zunächst von den zu Beginn erwähn­ten Trink­glä­ser aus­geht, wären diese vor allem weni­ger zer­brech­lich. Möbel wären län­ger kom­for­ta­bel und ein defek­tes Küchen­ge­rät, wenn es denn mal eines Tages nicht mehr funk­tio­nie­ren sollte, könnte man mit gewöhn­li­chem Werk­zeug ein­fach auf­schrau­ben und repa­rie­ren. Doch wie sähen kom­ple­xere Elek­tro­nik­ge­räte aus, wel­che einer immer schnel­le­ren Ent­wick­lung aus­ge­setzt sind? Gän­gige Desk­toprech­ner stel­len hier bereits seit lan­gem eine Aus­nahme dar und kön­nen mit han­dels­üb­li­chem Werk­zeug geöff­net wer­den, sodass sich die inne­ren Kom­po­nen­ten bequem erwei­tern und aus­tau­schen las­sen kön­nen. Hier ist sogar der Mac ProPower Mac­in­tosh G5 (Innen­an­sicht) von Apple ein Vor­bild, da sein Innen­le­ben ordent­lich und über­sicht­lich sor­tiert ist und man für den Aus­tausch nicht ein­mal zusätz­li­ches Werk­zeug benö­tigt. Zudem arbei­tet er effi­zi­ent im Umgang mit Ener­gie und hat ein nahezu voll­stän­dig recy­cle­ba­res Gehäuse. Ver­gli­chen mit vie­len ande­ren Apple-Produkten hatte der Mac Pro seit 2003 zudem lange ein unver­än­der­tes äuße­res Erschei­nungs­bild.3 Nach­teil die­ser Modelle war, bis zum aktu­el­len Modell, ihre Immo­bi­li­tät und ihr grö­ße­rer Platz­be­darf. Jedoch haben sie meist leis­tungs­fä­hi­gere Tech­nik ein­ge­baut als mobile Com­pu­ter. Bis zur Ver­öf­fent­li­chung des aktu­el­len Modells muss nun abge­war­tet wer­den, wie sich die Offen­heit der gesam­ten Kom­po­nen­ten durch das neue Design verändert.

Der XO-1 gibt bereits eine Rich­tung für Lap­tops vor, doch ebenso andere Geräte, bei denen man es frü­her nicht ver­mu­tet hätte, ver­wen­den heute Com­pu­ter­tech­nik und könn­ten ein Rede­sign nach DDR-Methoden ver­tra­gen: So etwa Kaf­fee­ma­schi­nen, Staub­sau­ger, Kraft­fahr­zeuge und Mobil­te­le­fone. Letz­tere wur­den 2010 vom durch­schnitt­li­chen Deut­schen 20,5 Monate ver­wen­det.4 Dies mag zum einen mit den in Deutsch­land übli­chen Ver­trags­lauf­zei­ten von zwei Jah­ren zusam­men­hän­gen und zum ande­ren mit der sich schnell wei­ter­ent­wi­ckeln­den Tech­no­lo­gie. Schaut man sich die aktu­el­len Smartphone-Modelle an, soll der Neu­kauf aber auch durch andere Ursa­chen wei­ter vor­an­schrei­ten. Wie bereits ange­spro­chen ermög­li­chen immer mehr Geräte nicht mal mehr einen Wech­sel der inter­nen Bat­te­rie. Auch der fest ein­ge­baute Spei­cher lässt sich nicht immer durch Spei­cher­kar­ten erwei­tern und gibt somit bei höhe­rem Platz­be­darf Gründe für einen Modell­wech­sel. Man­chen frü­he­ren Gerä­ten konnte man ohne Werk­zeug sowohl die Rück­ab­de­ckung, als auch die Vor­der­seite ent­fer­nen und diese durch die eige­nen emo­tio­na­len Vor­lie­ben aus­tau­schen. Dies ist inzwi­schen sel­te­ner der Fall. Andere Farb­va­ri­an­ten kön­nen aber zumin­dest noch durch Schutz­hül­len über das Gerät geschich­tet wer­den. Ins­ge­samt ist beim Handy also sogar eine Abkehr von der Offen­heit zu beobachten.

Wie würde also das Kon­zept eines Smart­pho­nes aus­se­hen, wenn es dem DDR-Design ent­spre­chen würde? Da es Mobil­te­le­fone in der DDR nicht gab,5 ist ein direk­ter Ver­gleich mit einem ande­ren Elek­tro­nik­ge­rät nicht mög­lich. Gert Selle erkannte hier die neue Gestal­tungs­ent­wick­lung, die sich durch das Handy erge­ben hatte:

„Die Dif­fe­renz zwi­schen dem sicht­ba­ren Design der mecha­ni­schen Epo­che und dem unsicht­ba­ren Design im Zeit­al­ter des Com­pu­ters könnte nicht deut­li­cher mar­kiert sein als durch die­ses Pro­dukt der Kom­mu­ni­ka­ti­ons– und Unter­hal­tungs­in­dus­trie.“6

Den­noch las­sen sich einige grund­le­gende Eigen­schaf­ten festlegen.

Offen­heit wird fol­ge­rich­tig durch aus­tausch­bare Außen­ver­klei­dung begüns­tigt, womit eine zeit­lich bestän­dige Gestal­tung und glei­cher­ma­ßen eine emo­tio­nal dem Nut­zer ange­passte Hülle mög­lich wer­den. Das Innen­le­ben, also auch tech­ni­sche Bestand­teile wie Spei­cher, Bat­te­rie, Arbeits­spei­cher und Pro­zes­sor, sollte nach varia­blen Bedürf­nis­sen des Nut­zers ein­ge­setzt und aus­ge­wech­selt wer­den kön­nen. Ein vor­her fest­ge­leg­tes Stan­dard­for­mat der ein­zel­nen Bau­teile ist dafür Vor­aus­set­zung, sodass sich diese dar­über hin­aus bei mög­li­chen Fol­ge­ge­rä­ten ver­wen­den las­sen. Durch die anpass­ba­ren tech­ni­schen Daten, ist das Gerät wei­test­ge­hend unab­hän­gig von den finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten des Käu­fers. Ähn­lich wie beim XO-1 muss auch für diese Ent­wick­lung eine offen zugäng­li­che Repa­ra­tur­an­lei­tung ver­füg­bar sein, wel­che die nöti­gen Schritte so ein­fach wie mög­lich ver­deut­licht. Die instal­lierte Soft­ware muss auf offe­nem Quell­code basie­ren und ermög­licht so zugleich eine unend­li­che Ent­wick­lung durch Nut­zer aus der gan­zen Welt. Neben der aus­tausch­ba­ren Hülle ist auch das ver­wen­dete Mate­rial ehr­lich, lang­le­big, robust und qua­li­ta­tiv sinn­voll ver­baut. Bes­ten­falls ist das Grund­ge­rüst in unter­schied­li­chen Grö­ßen ver­füg­bar, sodass Ansprü­che an ver­schie­dene For­mate und Bild­schirm­grö­ßen erfüllt wer­den. Selbst­ver­ständ­lich haben auch hier die stan­dar­di­sier­ten Bau­teile zu pas­sen. Sowohl Hard– als auch Soft­ware sind redu­ziert und ver­ein­facht, sodass sich eine intui­tive und selbst­er­klä­rende Nut­zung die­ser ergibt. Für Fort­ge­schrit­tene wer­den, durch das ver­än­der­bare Betriebs­sys­tem auch andere Mög­lich­kei­ten gebo­ten. Das ver­baute Mate­rial wurde zuvor äußerst logisch aus­ge­wählt und ist umwelt­freund­lich und voll­stän­dig recyclebar.

Seit kur­zem gibt es ein sol­ches Gerät, wel­ches viele der zuvor genann­ten Merk­male besitzt, auch zu kau­fen: Fair­phone.7 Die­ses, von einem nie­der­län­di­schen Team aus­ge­hend ent­wi­ckel­tes, Smart­phone, ver­fügt nicht nur über ein durch­dach­tes offe­nes Sys­tem, son­dern möchte ebenso sei­nen Her­stel­lungs­pro­zess offen­le­gen und ver­su­chen nahezu mit fair gehan­del­ten Res­sour­cen, frei von Aus­beu­tung und Bür­ger­krie­gen, her­ge­stellt zu wer­den. Pro­du­ziert wurde es mit­hilfe des Crowd­fun­ding, also durch zuvor ver­spro­chene Über­wei­sun­gen von inter­es­sier­ten Käu­fern, die durch eine Min­dest­summe die Her­stel­lung des bewor­be­nen Pro­dukts ermög­li­chen. Auch die­ses Ver­triebs­mo­dell ist aus der Ent­ste­hung von Netz­wer­ken und der sich dar­aus ent­wi­ckel­ten Offen­heit hervorgegangen.

Auch Pho­neb­loks scheint ähn­li­che Inspi­ra­tio­nen wie das DDR-Design gehabt zu haben und ori­en­tiert sich daher am modu­la­ren Auf­bau­sys­tem.8

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  1. Vgl. Rebecca Sand­bich­ler, »Möbel müs­sen Lust auf Sex machen«, in: NEON, Heft Mai 2012, S. 158.

  2. Vgl. http://www.tagesschau.de/ausland/one-laptop-per-child-bilanz100.html [20.08.2013].

  3. Bis 2006 hieß der Mac Pro aller­dings noch Power Mac­in­tosh G5.

  4. Vgl. http://www.wuv.de/w_v_research/studien/handy_nutzungsdauer_steigt [20.08.2013].

  5. Anmer­kung des Ver­fas­sers: Von die­sem annä­hern­dem Mobil­te­le­fon ist abzu­se­hen: http://www.mz-web.de/panorama/telefontechnik-ein-handy-fuer-die-ddr,20642226,17547594.html [20.08.2013].

  6. Selle 2007, S. 184.

  7. Vgl. http://www.fairphone.com [20.08.2013].

  8. Vgl. https://www.phonebloks.com [20.08.2013].