4. Fazit

Alles in allem ist die Bedeu­tung des DDR-Designs für unsere aktu­elle Pro­dukt­ge­stal­tung sicht­bar gewor­den und gerade jetzt auch in einer vor­teil­haf­ten Lage von den neuen Gestal­ter­ge­ne­ra­tio­nen wie­der auf­ge­grif­fen zu wer­den. Die his­to­ri­schen Sach­ver­halte zei­gen erheb­li­che Kon­traste zwi­schen einer Gesell­schaft, wel­che lang­le­bige und offene Pro­dukte besaß, und einer ande­ren, die in der Ver­gan­gen­heit nicht nur den ein­zel­nen Wert eines Pro­duk­tes ver­ges­sen zu haben scheint, son­dern simul­tan Pro­dukte ver­wen­det, die sogar absicht­lich obso­let wer­den. Heute unter­bie­ten sich die Her­stel­ler in der Preis­fest­le­gung gegen­sei­tig und las­sen sich immer para­do­xere Qua­li­täts­ver­schlech­te­run­gen ent­wer­fen, ohne dabei einer­seits an das Ver­trauen und die kogni­ti­ven Fähig­kei­ten des Kon­su­men­ten zu den­ken und ande­rer­seits an die Umwelt und die Zukunft der nächs­ten Generationen.

Die Gestal­tungs­richt­li­nien der DDR-Designer sind für heu­tige Gestal­ter beson­ders des­halb von Wich­tig­keit, da sie den Nut­zer in den Vor­der­grund stel­len und ihm dau­er­haft die Funk­tio­nen ver­füg­bar machen, die er von sei­nem Pro­dukt erwar­tet. DDR-Gestaltung ist varia­bel, ehr­lich, sozial und umwelt­freund­lich. Diese vier wesent­li­chen Merk­male feh­len heute in vie­len Pro­duk­ten, oder sind in einer, für den Durch­schnitts­bür­ger schein­bar uner­reich­ba­ren, hohen Preis­lage ver­an­kert. Gutes Design muss für ‒ nicht gegen ‒ den Men­schen sein und ihm des­halb auch ermög­licht wer­den. Haupt­säch­lich kon­sum­ori­en­tier­tes Design führt nicht nur zu andau­ern­den Umwelt­schä­den, son­dern ebenso zu einer dro­hen­den Degra­die­rung der Pro­fes­sion Desi­gner, wel­cher sich letzt­lich als blo­ßer Hübsch-Macher ver­steht und weni­ger als Pro­blem­lö­ser anspruchs­vol­le­rer Angelegenheiten.

Den Unter­neh­men gilt es deut­lich zu machen, dass sich lang­le­bige, offene und stan­dar­di­sierte Pro­dukte durch­aus gewinn­brin­gend her­stel­len las­sen, womit sie sogar das Ver­trauen der Kun­den zurück erlan­gen kön­nen. Letzt­lich würde eine sol­che Pro­duk­ti­ons­weise in Ver­bin­dung mit Upcy­cling oder einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft eben­falls den Elek­tro­schrott min­dern, wel­cher gif­tige Stoffe und unwie­der­bring­li­che Roh­stoffe unse­rer Umwelt zerstört.

Michael B. Hardt pro­vo­ziert und defi­niert in einem Inter­view den aktu­el­len Zweck des Designs als blo­ßes Sty­ling und macht genau damit die Rele­vanz der DDR-Gestaltung greifbar:

„Auch der Begriff Design ist eine Wort­hülse. Was wir heute als Design bezeich­nen, ist allen­falls Deko­ra­tion. Den Beruf des Desi­gners gibt es noch nicht, er ist im Ent­ste­hen begrif­fen.“1

Wenig spä­ter sogar vor­wurfs­vol­ler, doch zugleich alarmierend:

„Es scheint, dass die Mehr­zahl der Desi­gner des 20. Jahr­hun­derts nichts aus der Erfah­rung des Drit­ten Reichs gelernt haben: Man unter­stützt blind begeis­tert und ent­spre­chend unkri­tisch ein per­ver­ses Sys­tem, und im sel­te­nen Falle eines kri­ti­schen Hin­ter­fra­gens beruft man sich auf Befehls­not­stand ‒ wovon soll man leben? […] Anstatt zur Lösung der glo­bal­ge­sell­schaft­li­chen Auf­gabe bei­zu­tra­gen, wie die wach­sende Mensch­heit bei abnehm­ba­ren Res­sour­cen und zuneh­men­den Kli­ma­schä­den über­le­ben kann, gefal­len sich die Krea­ti­ven in der Rolle der Hof­nar­ren und gestal­ten bunte Illu­sio­nen, die das Sys­tem Weg­werf­ge­sell­schaft wei­ter anhei­zen, statt nütz­li­che Visio­nen zu ent­wi­ckeln.“2

Der Desi­gner befin­det sich also noch immer in einer Her­an­bil­dung. Und gerade jetzt scheint die Zeit für den Umschwung reif zu sein.

Van Bo Le-Mentzel erklärt den enor­men Erfolg sei­ner Selbst­bau­mö­bel so:

„Do-it-yourself ist ein Aus­druck des all­ge­mei­nen Zeit­geis­tes. Wir fra­gen uns, wo unser Essen her­kommt, warum ein T-Shirt nur fünf Euro kos­tet und wer dabei ver­dient hat. Die beste Mög­lich­keit, um diese kom­ple­xen Fra­gen ein biss­chen bes­ser zu ver­ste­hen, ist Sel­ber­ma­chen. Die Men­schen wol­len nicht mehr fres­sen, was ihnen im Laden vor­ge­setzt wird.“3
Share on FacebookGoogle+Tweet about this on TwitterEmail to someone

  1. Ein klei­nes biss­chen bes­ser, in: Page 7, 2012, S. 31.

  2. Ein klei­nes biss­chen bes­ser, in: Page 7, 2012, S. 31.

  3. NEON, Heft Mai 2012, S. 158.